Gekaperte Körper / Captured bodies

Literarisches Corona-Tagebuch Teil 2 / Literary Corona Diary Part 2

Der zweite Teil des literarischen Corona-Tagebuchs greift die abrupten Veränderungen in unserem alltäglichen Leben auf, die das Virus mit sich gebracht hat.

Nach deiner Rückkehr aus dem Urlaub schreckt dich ein Geräusch aus dem Nachbargrundstück auf. Es klingt nach Bauarbeiten. Sollte dein Nachbar sich etwa schon wieder einen neuen Schuppen in den Garten bauen?

Neugierig trittst du an die Hecke, die die Grundstücke voneinander trennt. „Was soll denn das werden?“ fragst du in den aufgewirbelten Staub hinein.

Dein Nachbar zuckt zusammen, als hätte neben ihm eine Bombe eingeschlagen. Seltsam, denkst du. So schreckhaft hattest du ihn gar nicht in Erinnerung!

„Ein Bunker natürlich“, erklärt dir dein Nachbar in gehetzten, abgehackten Worten. „Ich baue einen Bunker gegen die Außerirdischen.“

Jetzt ist es an dir, zusammenzuzucken. Nicht nur wegen der merkwürdigen Erklärung, die so gar nicht zu deinem sonst so nüchternen, alles andere als phantasievollen Nachbarn passen will. Was dich vor allem erschreckt, ist dessen äußere Erscheinung. Erst jetzt, nachdem er dir das Gesicht zugewandt hat, siehst du die Ritterrüstung aus Plexiglas, in die er gehüllt ist.

Wird etwa, fragst du dich, mal wieder der Karneval im Sommer nachgefeiert, weil die Faschingsumzüge den Winterstürmen zum Opfer gefallen sind? Aber warum sollte man in der Verkleidung eine Baugrube ausheben? Handelt es sich bei der Ritterrüstung also eher um eine neuartige Bauarbeitermontur?

„Hast du auch an den Anti-Röntgen-Schutzschild gedacht?“ scherzt du, weil du annimmst, dein Nachbar möchte dich auf den Arm nehmen. „Außerirdische haben doch Röntgenaugen, mit denen sie durch Bunkerwände hindurchschauen können!“

Dein Nachbar sieht dich bestürzt an. Als du Anstalten machst, an einer niedrigen Stelle über die Hecke zu steigen, weicht er zurück wie ein halb ausgesogenes Opfer vor einem Vampir. „Bleib bloß, wo du bist!“ ruft er dir zu. „Und lass gefälligst deine blöden Sprüche – die helfen jetzt auch nicht weiter!“

Jetzt hast du langsam genug von dem Schabernack. „Was regst du dich denn so auf?“ fragst du verärgert. „Ich selbst bin doch kein Außerirdischer!“

„Du vielleicht nicht“, entgegnet dein Nachbar allen Ernstes. „Aber woher soll ich denn wissen, ob nicht vielleicht längst einer in dich eingedrungen ist, der mich jetzt aus deinem Körper heraus anfallen möchte?“

Damit ist die Sache für dich klar: Dein Nachbar hat offenbar den Verstand verloren. Wortlos wendest du dich von ihm ab.

Wie ist das nur möglich? fragst du dich, während du zurück in dein Haus gehst. Wie kann sich der Geist so schnell verwirren? Dein Nachbar war doch immer ein pragmatischer Zeitgenosse gewesen, dessen Denken nie von dem Boden der anerkannten Realität abwich! Oder ist vielleicht gerade das der Grund für seine plötzliche Umnachtung?

Es klingelt an der Tür. Als du sie öffnest, ist niemand mehr da. Wahrscheinlich wieder ein paar Lausbuben, die dir einen Streich spielen wollen, denkst du. Da aber siehst du den Postboten, der sich eilig von deinem Haus entfernt, als fürchte er deine Nähe.

Unmittelbar darauf entdeckst du das Paket, das der Mann dir offenbar vor die Tür gelegt hat. Befremdet hebst du es auf und trägst es ins Haus. Vorsichtig schälst du den Inhalt aus all den Hüllen, die ihn wie ein kostbares Juwel umgeben. Als du den Schatz endlich in Händen hältst, zuckst du unwillkürlich zusammen: Es handelt sich um exakt so eine gläserne Ritterrüstung, wie du sie an deinem Nachbarn gesehen hast.

Eine seltsame Unruhe steigt in dir auf. Spontan beschließt du, einen kleinen Spaziergang zu unternehmen.

Dein Nachbar ist noch immer so mit seinem Bunkerbau beschäftigt, dass er gar nicht bemerkt, wie du an ihm vorbeigehst. Es ist ein heißer Sommertag, sein Gesicht glüht unter dem Visier. Erleichterung macht sich in dir breit, als du dich von ihm entfernst.

An der nächsten Ecke biegst du in die Hauptstraße ein, die zum Park führt. Eine Zeit lang bist du so vertieft in deine Gedanken, dass du nichts um dich her wahrnimmst. Dann aber stutzt du plötzlich: Die Frau, die da eben an dir vorbeigegangen ist – war die nicht auch in eine gläserne Ritterrüstung gehüllt? Und der Mann dort hinten – marschiert der nicht auch als Faschingsritter über die Straße?

Als du dich genauer umschaust, erkennst du: Fast alle sind verkleidet. Es ist, als hätte irgendjemand den Tag der gläsernen Ritterspiele ausgerufen.

Hast du vielleicht irgendetwas nicht mitbekommen? In deinem Urlaub hältst du immer eine Art Nachrichten-Fasten ein. Was auf der großen Weltbühne oder in deiner Heimat passiert, blendest du ganz bewusst aus, um dich besser entspannen zu können. Dabei muss dir wohl irgendetwas entgangen sein.

Ein paar Schritte weiter schreit dir ein Kiosk die Wirklichkeit ins Gesicht: „Außerirdische dringen immer weiter vor!“ kreischen die Schlagzeilen, und: „Trauriger Rekord: Außerirdische kapern tausend Körper an einem Tag!“

Als du aufblickst, siehst du, dass auch die Kioskverkäuferin hinter einer Ritterrüstung verborgen ist. Zusätzlich ist die Verkaufsfläche durch eine Plexiglasscheibe gesichert. Dahinter verschwimmt die Gestalt der Frau mit der Dunkelheit ihrer Kioskhöhle.

Verstört trittst du den Heimweg an. Beim Blick auf all die Passanten, die in voller Rittermontur auf dich zuschreiten, kommst du dir auf einmal fast nackt vor, als wärest du in Badebekleidung auf einen Polizeiball gegangen. Immer neue Wellen von Uniformierten branden auf dich zu, teilen sich vor dir, brechen sich an dir wie an einer störenden Klippe. Unwillig musst du dir eingestehen, dass du dich selbst bereits fühlst wie in einer von Außerirdischen überschwemmten Welt.

Zu Hause holst du die Ritterrüstung, die dir der Postbote gebracht hat, aus der Kiste und legst sie vor dich auf den Tisch. Lange begutachtest du sie unschlüssig, betastest sie gedankenverloren, betrachtest dein Spiegelbild in dem gläsernen Visier. Dann legst du sie an.

English Version:

Captured bodies

On your return from holiday a noise from the neighbouring property attracted your attention. It sounded like construction work. Should your neighbour indulge his passion for shed building again?

Curious, you stepped to the hedge that separated the plots. „Hey there! What is this going to be?“ you asked into the whirled up dust.

Your neighbour flinched as if a bomb had hit next to him. Strange, you thought. You didn’t remember him being so jumpy!

„A bunker, of course“, your neighbour explained to you in hasty, choppy words. „I’m building a bunker against the aliens.“

Now it was your turn to flinch. Not only because of the peculiar explanation, which didn’t fit at all to your sober, anything but imaginative neighbour. What startled you the most was his outward appearance. Only now, after he had turned his face towards you, did you see the knight’s armour of Plexiglas in which he was wrapped.

Was this some sort of carnival? But why dig a building pit in disguise? So was the knight’s armour rather a new kind of construction worker’s outfit?

„Have you thought about the anti-radiation shield?“ you joked, supposing that your neighbour was kidding you. „Everyone knows that aliens have X-ray eyes with which they can see through bunker walls!“

Your neighbour looked at you in dismay. As you made an effort to climb over the hedge at a low point, he retreated like a half sucked victim from a vampire. „Stay away from me!“ he shouted. „And leave me alone with your stupid quips – they won’t help us anyway!“

Now you’ve had enough of the prank. „What are you so upset about?“ you asked angrily. „I’m not an alien myself!“

„Maybe not you,“ replied your neighbour in all seriousness. „But how can I make sure that an alien hasn’t already penetrated you and now tries to attack me from inside your body?“

Now the matter was clear for you: Your neighbour had obviously lost his mind. Wordlessly you turned away from him.

How was that possible, you asked yourself as you went back to your house. How could the mind get confused so quickly? Your neighbour had always been a pragmatic contemporary whose thinking never left the ground of accepted reality! Or was this perhaps the very reason for his sudden derangement?

The doorbell rang. When you opened it, no one was there. Probably some rascals again, who wanted to play a trick on you, you thought. But then you saw the postman hurrying away from your house, as if he feared to come close to you.

Immediately afterwards, you discovered the parcel that the man had obviously left on your doorstep. Astonished, you picked it up and carried it into the house. Carefully you pelt the contents from all the envelopes that surrounded it like a precious jewel. When you finally held the treasure in your hands, you twitched involuntarily: It was exactly the same glass knight’s armour as you had seen on your neighbour.

A strange restlessness arose within you. Spontaneously you decided to go for a little walk.

Your neighbour was still so busy building his bunker that he didn’t even look up when you passed him. It was a hot summer day, his face was glowing under his visor. Relief spread inside you as you moved away from him.

At the next corner you turned into the main street leading to the park. For a while you were so engrossed in your thoughts that you didn’t notice anything around you. But then you suddenly wondered: The woman who had just passed you – wasn’t she also wrapped in a glass knight’s armour? And the man over there – didn’t he also march across the street as a carnival knight?

When you looked around more closely, you realised: almost everyone was in disguise. It was as if someone had proclaimed the day of the glass knights‘ games.

Did you perhaps miss something? Was it all because of your news fast – your habit of fading out everything happening on the big world stage or in your home country during your holiday in order to relax better?

A few steps further on, a kiosk shouted the reality to your face: „Aliens keep advancing!“ the headlines screamed, and: „Sad record: aliens captured a thousand bodies in one day!“

When you looked up, you saw that the kiosk saleswoman was also hidden behind a knight’s armour. In addition, the sales area was secured by a plexiglass panel. Behind it, the figure of the woman blurred with the darkness of her kiosk cave.

Confused, you set off on your way home. Looking at all the people passing by in full knight’s outfit, you suddenly felt almost naked, like in swimwear at a police ball. More and more waves of uniforms were crashing towards you, splitting in front of you, breaking on you like on a disturbing cliff. Reluctantly you realised that you yourself already felt like in a world flooded with aliens.

At home you took the knight’s armour that the postman had brought you out of the box and laid it on the table in front of you. For a long time you gazed at it indecisively, touched it lost in thought, looked at your reflection in the glass visor. Then you put it on.

Bild: Stefan Keller: Fantasy, Ritter (Pixabay)

2 Antworten auf „Gekaperte Körper / Captured bodies

  1. Роман

    „Разум, единожды расширивший свои пределы, никогда не возвратится в бывшие.“ – доказывал Альберт Эйнштейн. Большое спасибо за то, что Вы, своими заметками, позволяете разуму перешагнуть за пределы собственных границ.

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