Tsifteteli und Twist

Misirlou, ein interkulturelles Sehnsuchtslied.

Tanz aus der Krise, Teil 3 der musikalische Sommerreise 2020

Für den dritten Teil der diesjährigen musikalischen Sommerreise bleiben wir noch ein wenig in Griechenland. Dieses Mal geht es um den bauchtanzähnlichen Tsifteteli und die bemerkenswerte Ehe, die er mit dem amerikanischen Twist eingegangen ist.

 INHALT:

Die griechisch-türkische Tragödie des Jahres 1922
Fremde im eigenen Land: Rembetes und Rembetika
Misirlou: ein Grenzen überwindendes Liebeslied
Wie John Travolta zum Bauchtänzer wurde
Misirlou, ursprüngliche Fassung
Misirlou, amerikanische Neufassung

Die griechisch-türkische Tragödie des Jahres 1922

A_Street_in_SmyrnaAls es nach dem Ersten Weltkrieg bei den Pariser Friedensverhandlungen zu einer Neuaufteilung des Osmanischen Reiches kam, wurden große Teile Kleinasiens Griechenland zugesprochen. Dies war damals nicht so abwegig, wie es heute erscheint. Denn weil Griechenland noch bis 1830 ein Teil des Osmanischen Reiches gewesen war, gab es auch Anfang des 20. Jahrhunderts noch einen großen griechischen Bevölkerungsanteil auf dem Gebiet der heutigen Türkei.
Dennoch verletzte die Entscheidung natürlich den türkischen Nationalstolz. Erschwerend kam hinzu, dass das griechische Militär insbesondere beim Einmarsch ins von jeher multiethnische Smyrna, das heutige Izmir, äußerst brutal vorging – was seinerseits wieder eine Reaktion auf Vertreibungen von Griechen unter der jungtürkischen Regentschaft zu Beginn des Jahrhunderts darstellte. So kam es zu  kriegerischen Auseinandersetzungen, aus denen die türkische Armee unter Mustafa Kemal Atatürk, dem späteren türkischen Präsidenten, siegreich hervorging.
Die Folge dieser Niederlage ist in die griechische Geschichte als „kleinasiatische Katastrophe“ eingegangen. Nicht nur wurden 1922 im Vertrag von Lausanne die kleinasiatischen Gebiete der Türkei zugesprochen. Zusätzlich wurde nun auch ein Bevölkerungsaustausch angeordnet. Im Zuge dieser ethnischen Säuberungen wurden die griechischen, christlich-orthodoxen Einwohner Smyrnas und angrenzender Gebiete nach Griechenland zwangsumgesiedelt, während umgekehrt die türkisch-muslimische Bevölkerung Griechenlands in die Türkei emigrieren musste.

Fremde im eigenen Land: Rembetes und Rembetika

Die Umsiedlungen verliefen größtenteils chaotisch. Den Betroffenen blieb oft kaum Zeit, ihr Hab und Gut zu packen oder es wenigstens zu einem anständigen Preis zu verkaufen. So kamen die „türkischen“ Griechen, durch die sich die Einwohnerzahl Griechenlands auf einen Schlag um ein Viertel erhöhte, nicht selten völlig verarmt in der neuen Heimat an. Auch jene, die auf der anderen Seite des Meeres gut von ihrer Tätigkeit als Händler oder Handwerker hatten leben können, fanden sich auf einmal am unteren Ende der sozialen Skala wieder.
Für diese Menschen, die etwa in Piräus oder Thessaloniki die Hafenviertel bevölkerten, bürgerte sich die wenig schmeichelhafte Bezeichnung „rembetes“ („aus der Gosse kommend“) ein. Die türkische Herkunft des Wortes  unterstreicht dabei zusätzlich, dass die Flüchtlinge in ihrer neuen Heimat als Fremde empfunden wurden.
Die Lieder der Neuankömmlinge wurden, angelehnt an ihre eigene Titulierung, als „Rembetika“ (auch: Rebetika) bezeichnet. Ähnlich wie der amerikanische Blues und teilweise auch der portugiesische Fado kreisen sie um die Sorgen und Sehnsüchte derer, die am Rand der Gesellschaft stehen.

Misirlou: ein Grenzen überwindendes Liebeslied

Um ein solches Rembetiko handelt es sich auch im Falle von Misirlou. Von wem das LiedOrientalische-Taenzerin ursprünglich stammt, lässt sich nicht mehr eindeutig ermitteln. Der früheste bekannte Interpret war 1927 Theodotos (Tetos) Demetriades.
Oberflächlich betrachtet, haben wir es hier mit einem reinen Herzschmerz-Stück zu tun: Ein Mann beschwört den Zauber einer schwarzäugigen Schönheit, die ihm den Kopf verdreht hat. Er sehnt sich nach ihren honigsüßen Lippen und ihrem Liebreiz, dessen Anblick ihn von allen Nöten befreien würde.
Das Entscheidende ist hier aber die Vielschichtigkeit des Wortes „Misirlou“ (auch: Miserlou). Im osmanischen Türkisch bedeutet es so viel wie „ägyptisches Mädchen“, im modernen Türkisch erinnert es an die Entsprechung für „ägyptisch“ („mısırlı“), das auf den arabischen Begriff für „Ägypten“(„Misr“) verweist.
Damit ist Misirlou nicht einfach nur ein Liebeslied. Vielmehr drückt sich darin auch die Sehnsucht nach der verlorenen orientalischen Heimat und der Zwanglosigkeit der Beziehungen zwischen den Kulturen aus. Eine Liebe über die Grenzen der Religionen hinweg mag zwar auch in der Zeit des multiethnischen Kleinasiens nicht unproblematisch gewesen sein. Nach den ethnischen Säuberungen war sie aber sogar als Traum kaum noch vorstellbar. So erweist sich das Lied als zwar einfacher, dafür aber umso wirksamerer Widerstand gegen die Praxis der Herrschenden, Menschen in ethnisch-religiöse Schubladen zu stecken und sie wie Schachbrettfiguren hin und her zu schieben.

Wie John Travolta zum Bauchtänzer wurde

Die Rembetika waren von Anfang an auch mit einer Reihe von Tänzen assoziiert. Hierzu gehörten Kreistänze wie der Syrtos (Sirtos), aber auch der Tsifteteli. Dieser ist hauptsächlich als Bauchtanz bekannt, wird aber auch als gegenseitiges „Sich-Umtanzen“ von Mann und Frau praktiziert. Charakteristisch sind in jedem Fall die andeutungsreichen Hüftbewegungen.
Angelehnt an eine Syrtos-Variante, den Syrtos Haniotikos, ist ein Tanz zu Misirlou, den die Professorin Brunhilde Dorsch 1945 an der Duquesne University in Pittsburgh (Pennsylvania) zusammen mit ihrer griechisch-amerikanischen Studentin Mercine Nesotas entwickelt hat. Dieser Tanz erhielt später ebenfalls den Namen „Misirlou“ (vgl. hierzu auch Teil 3 dieser Musikreise).
Häufiger findet sich als Begleittanz zu dem Lied allerdings der Tsifteteli, oft auch in einer verwestlichten, an den Twist erinnernden Variante. Dies hängt mit der Karriere des Liedes in den USA zusammen.
1941 brachte Nicholas (Nick) Roubanis, der 1925 in die USA emigriert und dort Professor an der New Yorker Columbia University geworden war, eine neue, mit Jazz-Elementen versetzte Fassung des Liedes heraus. Daraus entwickelten sich in den 1950er und 60er-Jahren etliche Cover-Versionen, die von zahlreichen Größen des Show-Business eingespielt wurden – u.a. von Chubby Checker (1962), den Beach Boys, Dick Dale (als „Surf Rock“-Fassung mit den Del Tones) und Paul Anka (jeweils 1963).
Die meistenBerlin, Deutschlandtreffen, tanzende Jugendliche Neueinspielungen waren Instrumentals. Einige Interpreten – darunter auch Chubby Checker und Paul Anka – trugen zu der Musik jedoch auch die neue Textfassung vor, die Fred Wise, Sidney Keith Russell und Milton Leeds mittlerweile entwickelt hatten. Dieser Text beschwört neben der Liebesbeziehung auch das aus der Ferne exotisch wirkende Ambiente, in dem diese sich entwickelt. Zuerst gesungen wurde das Lied 1955 von der A-cappella-Gruppe The Cardinals.
Zum modernen Klassiker wurde der Song allerdings vor allem durch die mitreißenden Instrumentalfassungen und die Interpretation des Songs durch Twist-König Chubby Checker. Dies gilt erst recht, seit die Instrumentalversion 1994 in Quentin Tarantinos Kult-Film Pulp Fiction als Titelmusik verwendet worden war. In dem Film führen John Travolta und Uma Thurman eine augenzwinkernde Synthese aus Twist und Tsifteteli vor.
So ist Misirlou ein schönes Beispiel für die völkerverbindende Kraft der Musik,  mit der sich scheinbar unüberwindbare kulturelle Grenzen spielerisch überspringen lassen.

 

Misirlou, ursprüngliche Fassung

 
Originaltext mit Varianten und Geschichte des Liedes Misirlou bei Panayíota Bakís Mohíeddín (shira.net)

Freie Übertragung ins Deutsche:

Deine Schönheit, geliebte Misirlou,
hat ein Feuer in mir entzündet.
Deine Lippen, geliebte Misirlou,
sind reinster Honig für mich.

Der Zauber deines Wesens, Misirlou,
beraubt mich meiner Sinne.
Komm mit mir, lass dich verführen
zur Reise in ein fernes Land.

Der Sternenhimmel deiner Augen, Misirlou,
und der Honigrausch deiner Lippen
haben das Tor mir geöffnet
zu einem neuen Leben.

Videos und Links

Tsifteteli-Tanz zu Misirlou von Maria Aya im Rahmen der Venice SilkRoadProjects (2003)

Liste aller Aufnahmen von Misirlou auf secondhandsongs.com
 
Früheste bekannte Einspielung des Liedes von Tetos Demitriades (1927)

Neuinterpretation von Kalliopi Vetta (2003)

Jiddisch-Variante von Seymour Rechtzeit (mit jiddischem Text)

Misirlou, amerikanische Neufassung

Originaltext
 
Freie Übertragung ins Deutsche:

Finster schleichen die Schatten
über den purpurroten Wüstensand.
Betend knien die Nomaden
vor ihren abendroten Zelten.

Umstrahlt vom Glanz des Abendsterns,
erscheint vor mir die Silhouette
reinsten, ungetrübten Glücks,
der Hauch verlor’nen Blütendufts.

Du, Misirlou,
bist der Mond und die Sonne für mich,
das Schönste, das ich jemals sah.

Geleitet vom Läuten himmlischer Glocken
über dem tanzenden Sand,
wird uns’re Liebe den Weg
ihres herrlichen Schicksals beschreiten.

Du, Misirlou,
bist die Erfüllung für mich,
ein Traum, der meine Nacht erhellt.

Unter die sternenbesprühten Palmen
eines Oasentraums
wird uns der Himmel führen.
Gott wird uns’re Liebe segnen.

Tanzszene zu Misirlou aus Pulp Fiction

 

Liste aller Aufnahmen von Misirlou auf secondhandsongs.com

Ursprüngliche Fassung von The Cardinals (1955)

Tanzbare Fassung von Chubby Checker (1962)

Herzschmerz-Fassung von Paul Anka (1963)

Instrumentalfassungen (Auswahl):

Surf-Rock-Varianten:

Dick Dale & The Del Tones (1963)

Beach Boys (1963)

Gipsy- und Klezmer-Varianten:

Triple Trouble Trio

Ara Malikian (Violinist, Live)

Auf der nächsten Etappe unserer  Musikreise reisen wir weiter ins türkische Konya und schauen, was die Tänze der Derwische mit persischer Mystik zu tun haben.

Bildnachweise: Titelbild: Édouard Frédéric Wilhelm Richter: Orientalische Tänzerin; Thomas Higham (1795-1844): Straße in Smyrna (Wikimedia) Francesco Ballesio (1860-1923): Tänzerin; Christa Hochneder: Jugendliche beim Twisttanz, 1964, Bundesarchiv (Wikimedia)

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