Tagebuch eines Schattenlosen – Interview mit der Autorin

„Schattenlosigkeit bedeutet für jeden etwas Anderes“

Zum Erscheinen von Ilka Hoffmanns Tagebuch eines Schattenlosen in Buchform haben wir ein Interview mit der Autorin geführt. Die vorbestellten Bücher werden im Laufe der kommenden Woche verschickt.

Literaturplanet: Das Tagebuch eines Schattenlosen basiert auf dem ersten Teil des Romans Der Schattenhändler, der schon vor über zehn Jahren erschienen ist. Warum jetzt diese Neuausgabe?

Ilka Hoffmann: Es hat mich einfach gereizt, mich einmal an einem literarischen Online-Projekt zu versuchen. Der erste Teil des Schattenhändlers ist dafür besonders geeignet, weil hier viel mit dem widersprüchlichen Ineinanderfließen von intimem Tagebuchschreiben und der Selbstentblößung im Netz gespielt wird – also mit etwas, das auch für die heutigen sozialen Medien charakteristisch ist.

LP: Und wieso ist aus dem Online-Projekt jetzt doch wieder eine Buchveröffentlichung geworden?

I.H.: Weil durch die Anpassung an die Schreib- und Lesegewohnheiten im Netz am Ende etwas Neues entstanden ist. Außerdem haben viele User darum gebeten, das Projekt noch einmal als Ganzes in Händen halten zu können.

LP: Was meinst du mit „Anpassung an die Schreib- und Lesegewohnheiten im Netz“?

I.H.: Na ja, da ist halt alles viel kleinteiliger. Die einzelnen Textbausteine müssen kürzer sein, prägnanter, zugespitzter. Das hat an manchen Stellen Streichungen erfordert, andernorts musste ich aber auch etwas ergänzen. Viele Einleitungsteile zu den Tagebucheinträgen sind zum Beispiel komplett neu geschrieben worden.

LP: Würdest du sagen, dass der Text durch die Überarbeitungen besser geworden ist?

I.H.: Nicht unbedingt besser. Er ist eben anders geworden. Manches ist sicher auch für die Lesenden in der analogen Welt angenehmer. Das Internet erzieht einen beispielsweise zu einer sehr übersichtlichen Gestaltung. Alles muss anklickbar sein, alles muss jederzeit nachvollziehbar sein. Dadurch hat das Buch jetzt auch ein Inhaltsverzeichnis, durch das man besser zwischen vergangenem und gegenwärtigem Geschehen unterscheiden kann.

LP: Aber ist der Stoff nach so langer Zeit nicht auch irgendwie veraltet?

I.H.: Das sehe ich nicht so. Zentrale Themen des Buches sind Manipulation und Überwachung durch das Netz oder auch die soziale Ausgrenzung. Beides hat in den vergangenen Jahren eher noch an Brisanz zugenommen. Aber natürlich musste ich einige Dinge an die Jetzt-Zeit anpassen. Die Urfassung des Textes stammt schließlich aus dem Jahr 2000. Damals wurde noch überall gequalmt, und es gab noch nicht diese durchgängige Vernetzung von Alltagswelt und Onlinekommunikation, wie sie durch die Smartphones Einzug gehalten hat. Es ist schon erstaunlich, wie stark sich die Welt in 20 Jahren verändern kann. Da musste ich natürlich manches umbauen. Der eigentliche Plot ist davon aber unberührt geblieben.

LP: Befürchtest du nicht, dass das phantastische Motiv des Schattenverlusts der Aktualität des Textes, wie du sie eben beschrieben hast, schaden könnte?

I.H.: Für mich ist eher das Gegenteil der Fall. Im Alltag ist für uns vieles ganz selbstverständlich, weil wir eben Tag für Tag damit umgehen. Viele Probleme fallen uns deshalb gar nicht mehr auf. Erst die Verfremdung, wie sie durch das Motiv der Schattenlosigkeit eingeführt wird, ermöglicht es dann wieder, die Dinge klarer zu sehen.

LP: Wie bist du eigentlich darauf gekommen, auf das Motiv des Schattenverlusts zurückzugreifen?

I.H.: Das kann ich dir auch nicht sagen. Das war einfach plötzlich da. Es war so ein bestimmter Empfindungskomplex, der sich dann quasi ein Bild gesucht hat, sich darin manifestiert hat. Sozusagen die Keimzelle des ganzen Projekts.

LP: Entspricht dieser Zustand der Schattenlosigkeit also auch deinem eigenen Daseinsgefühl?

I.H.: Dafür müssten wir hier erst mal klären, was unter „Schattenlosigkeit“ zu verstehen ist. Ich denke aber, dass die einzelnen Lesenden das Bild jeweils ganz anders, ganz individuell verstehen werden. Das ist ja gerade der Reiz an so einer literarischen Flaschenpost: Wer sie aus dem Meer fischt, wird immer etwas ganz Eigenes daraus machen. Das Tagebuch-Ich vervielfältigt sich beim Lesen. Wer sich mit ihm identifiziert, erschafft dadurch etwas Neues. Es gibt also exakt so viele Schattenlose, wie es Lesende gibt.

LP: Das Tagebuch-Ich ist bei dir ja nun ein Mann. Wäre es für dich als Frau nicht naheliegender gewesen, das Ganze aus der Perspektive eines weiblichen Ichs zu erzählen?

I.H.: Naheliegender schon. Aber gerade deshalb hat es mich gereizt, die männliche Perspektive zu wählen. Wie heißt es so schön bei LiteraturPlanet?: „Literatur ist eine Reise in ein anderes Universum.“ Und welches Universum könnte für eine Frau fremder sein als das männliche?

LP: Planst du eigentlich für die übrigen Teile des Schattenhändlers auch eine Online-Veröffentlichung?

I.H.: Ich habe daran gedacht, ja. Aber noch ist nichts spruchreif. Wenn du wissen willst, wie es weitergeht, musst du also fürs Erste doch wieder in die analoge Welt eintauchen.

LP: Wie gemein!

I.H.: Tja – so bin ich halt.

 

Foto: Die Autorin mit Blacky, ihrem Motivator und Masseur.

3 Antworten auf „Tagebuch eines Schattenlosen – Interview mit der Autorin

    1. rotherbaron

      Wenn man etwas schreibt (einen Roman, ein Gedicht …) und veröffentlicht, ist das ein wenig wie eine Flaschenpost. Man weiß nie, wer das literarische Produkt findet und was die- oder derjenige daraus macht. Außer bei öffentlichen Lesungen fehlt der direkte Kontakt zu den Lesenden. Man wirft einen Text auf den Buchmarkt oder ins Internet wie eine Flasche mit Botschaft ins Meer…. Das Schicksal des literarischen Produkts ist ungewiss.

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