Die Fußfessel

Tagebuch eines Schattenlosen, letzter Teil

Donnerstag, 17. August

Eine Made hat sich in meinem Gehirn eingenistet. Eine Made, die sich immer tiefer in die Windungen meines Geis­tes hineinfrisst. Nicht mehr lange, und sie wird die DNA meines Denkens durch ihre ersetzt haben.
Ob ich Lina wohl noch einmal wiedersehen werde? Und wenn ja: Werden wir dann noch diejenigen sein, die wir bei unserer ersten Begegnung waren?

Die Fußfessel

Das Schwindelgefühl, das mich befiel, als Lina mir meinen zweiten Besuch bei ihr aus ihrer Sicht geschildert hatte, hat mich seither nicht mehr verlassen. Noch immer stehe ich vor dem Abgrund, der sich durch ihren Bericht vor mir auf­getan hat. Denn mir war sofort klar: Es war niemand ande­res als der Schattenhändler, der sich an jenem Morgen in Linas Wohnung aufgehalten hatte!
Ich sehe mich mechanisch nach dem Glas mit dem Eiskaffee greifen, von dem ich noch kaum etwas zu mir genommen hatte. Noch immer verspürte ich keine Lust, davon zu kos­ten. Stattdessen umfasste ich das Glas mit meinen Händen, als müsste ich es vor etwas beschützen.
Eine Weile lang saßen wir schweigend nebeneinander. Lina war wieder in das tänzelnde Eigenleben ihrer Finger versun­ken, und ich starrte wie ein Wahrsager auf meinen Eiskaffee, in dem das Eis allmählich zu einem süßen Brei zerfloss.
„Ich hatte auch mit ihm Kontakt“, bekannte ich schließlich, ohne von dem Eiskaf­fee aufzublicken.
Lina fuhr aus ihrer apathischen Haltung auf. „Mit wem?“ fragte sie, als hätte sie mich nicht richtig verstanden.
„Mit dem Schattenhändler“, entgegnete ich, ihren Blick auf­fangend.
Lina sah mich ungläubig an: „Aber … du hast dich doch nicht etwa auf einen Deal mit ihm eingelassen?“
„Doch“, musste ich zugeben.
Lina wandte ihren Blick wieder von mir ab. „Dann bist du erledigt“, sagte sie tonlos.
Ich widersprach ihr, obwohl ich sofort spürte, dass sie Recht hatte. „Was soll das heißen: erledigt? Du hast doch selbst gesagt, dass du sein Angebot ange­nommen hast, weil du den Zustand mit dem Behelfsschatten nicht mehr ertragen konntest.“ Wild galoppierte das Blut in meinen Schläfen.
„Ich habe aber auch gesagt, dass das der größte Fehler mei­nes Lebens war.“ Lina blickte zu Boden, wo die Schatten der Ahornblätter in lautlosen Tänzen ineinanderglitten.
„Weißt du“, erklärte sie schließlich, „es ist so: Der Be­helfs­schatten äfft dich nach, er kontrolliert dich auch – aber er tastet doch deine Person als solche nicht an. Vielleicht hätte ich nur lernen müssen, mit ihm umzugehen, dann hätte ich ihn womöglich hier und da sogar austricksen können. Der Schatten, den ich von Shadow Colours erhalten habe, kon­trolliert mich aber nicht nur – er formt mich, er greift in mein Leben ein, er lenkt mich, ohne dass ich es merke!“
Ich schüttelte unwillig den Kopf. „Aber das ist doch gar nicht möglich, Lina!“
„Du wirst ja sehen“, erwiderte sie achselzuckend. „Wenn du auf das Angebot eingegangen bist, kann es nicht mehr lange dauern, bis du den Schatten bekommst.“
„Noch habe ich nichts unterschrieben“, stellte ich klar. „Also kann mir auch gar nichts passieren!“
Lina sah mich müde an. „Aber du hast ihm die Hand gege­ben, nicht?“
Ich nickte.
„Dann bist du verloren, Theo, du musst dich damit abfin­den!“ Ihre Stimme klang ebenso mitfühlend wie unerbittlich.
„Und wenn wir zusammen abhauen?“ flüsterte ich, einem spontanen Impuls folgend. „Noch ist ja niemand von Sha­dow Colours bei mir aufgekreuzt.“
Lina lächelte spöttisch. „Glaubst du, das läuft ab wie bei der Reparatur einer kaputten Klospülung? Der Klempner kommt, holt die Zange raus, dreht sie dreimal rum, und das war’s dann?“
Ich verstummte. Linas plötzlicher Sarkasmus beunruhigte mich.
„Du wirst es gar nicht merken, wenn sie dir den Schatten anlegen“, setzte sie in ruhigerem Ton hinzu. „Er wird ein­fach plötzlich da sein, wie eine Fußfessel, die dir jemand umbindet, während du schläfst. Und dann wirst du auf ein­mal nicht mehr Herr deines Willens sein. Du wirst nicht mehr wissen, ob du das, was du zu wollen meinst, wirklich willst, oder ob es nur der Schatten ist, der es dich wollen lässt. Du wirst zum Diener von Interessen werden, die du gar nicht kennst. Am Ende wirst du nur noch eine Mario­nette deines eigenen Schattens sein.“
„Lina, um Gottes willen, es muss doch einen Ausweg ge­ben!“ beschwor ich sie. „Lass uns fliehen, gemeinsam wer­den wir es schon schaffen! Wir sind doch freie Menschen!“
Lina blickte wieder apathisch vor sich hin. „Unsere Freiheit ist die Freiheit von Marionetten, wir können genauso wenig fliehen wie sie. Wir hängen beide an unserem Seil, bewegt von Interessen, von denen wir nicht wissen, ob sie die unse­ren sind, aber auch unfä­hig, uns ohne Seil aufrecht zu halten. Selbst wenn du dich also von dem Seil, das dich hält, losrei­ßen könntest, wärst du doch immer noch unfähig, dich ohne es zu bewegen – wie willst du also weglaufen können?“
Hektische Flecken flackerten auf Linas Wangen. Oder waren das nur die tanzenden Schatten des Laubs? Sie atmete tief durch, dann ergänzte sie: „Einmal angenommen, dir würde die Flucht tatsächlich gelingen: Meinst du wirklich, es gibt irgendeinen Platz auf der Welt, wo du vor diesen Leuten sicher bist? Die werden ihre Ansprüche dir gegenüber schon durchsetzen, darauf kannst du dich verlassen! Außerdem kannst du dir doch nie sicher sein, ob nicht der Wunsch, wegzulaufen, selbst schon wieder das Resultat eines Willens ist, der nicht dein eigener ist, sondern von dir völlig frem­den Interessen herrührt, die dir dein Schatten eingegeben hat.“
„Aber ich habe doch noch gar keinen Schatten! Ich werde mich mit aller Kraft dagegen wehren, dass man mir einen anlegt!“ beharrte ich, wie ein Kind, dem man die Existenz des Weihnachtsmanns auszureden versucht.
Da bemerkte ich, wie Lina ih­re Augen fest auf eine Stelle schräg hinter mir richtete, wo ein kreisrunder Sonnenfleck auf den Kiesweg unter dem Ahornbaum fiel. Linas Blick folgend, wandte ich mich um und fixierte ebenfalls die Stelle, die sie so starr ansah.
Zunächst fiel mir nichts Besonderes auf. Dann aber erkannte ich, dass zwischen den in den Sonnenfleck hineinspielenden Bewegungen der Blätter etwas Rundes zu sehen war, das ich zuvor nicht bemerkt hatte. An seinem oberen Ende war es von etwas umgeben, das wie ein Haarkranz aussah. Je ge­nauer ich hinschaute, desto heftiger schien der schwarze Kreis in dem Sonnenfleck sich zu bewegen, wie ein Strudel, der mich mit unwiderstehlicher Kraft zu sich hinzog.
Mir wurde schwarz vor Augen. Einen Augenblick lang stand mein Leben still, sogar mein Herzschlag schien auszusetzen. Dann drangen die Dinge allmählich wieder zu meinem Be­wusstsein vor, wenn auch wie durch ei­nen Filter, der sich unmerklich vor meine Sinne gelegt hatte. Ich stürzte auf dem Kiesweg in die pralle Sonne, blickte vor mich, blickte hinter mich – aber es konnte keinen Zweifel geben: Ich hatte wie­der einen Schatten.

 

Dies war der letzte Teil des Tagebuchs von Theo C. Das Buch zur Online-Veröffentlichung ist derzeit in Vorbereitung und kann ab sofort vorbestellt werden. Die weiteren Teile des Romans (Bei den Dunkelmännern, Reise in die Zukunft und Reise in die Vergangenheit) finden sich in Der Schattenhändler (jederzeit lieferbar bei LiteraturPlanet).

Bild: Stocksnap: Dark (Pixabay)

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