Der Vertrag

Tagebuch eines Schattenlosen, Teil 38

Sonntag, 13. August

Vor ein paar Jahren bin ich einmal von einem Hund gebissen worden. Es war meine eigene Schuld gewesen. Zwar war das Hündchen schwanzwedelnd auf mich zugelaufen. Aber ich wusste ja, dass gerade kleine Hunde dazu neigen, zuzuschnappen, wenn sie sich unsicher fühlen. Also hätte mir klar sein müssen, dass es keine gute Idee war, sich allzu ruckartig zu ihm herunterzubeugen. Es waren dann ziemlich schmerzhafte Streicheleinheiten für mich.
Die Bisswunde war zwar recht klein, schmerzte aber dennoch wie ein Stich mit einer glühenden Nadel. Außerdem ging von der Stelle ein unangenehmes Taubheitsempfinden aus. Genauso fühle ich mich jetzt, nachdem ich dem Schattenhändler die Hand gegeben habe.
Ein lächerlicher Vergleich, ich weiß. Wieder mal einer dieser abwegigen Assoziationspfade, auf die mein überreiztes Gedächtnis mich führt. Aber es ist hier nicht anders als mit den Träumen, die einen in den Tag begleiten. Man weiß ganz genau, dass es sich um Hirngespinste handelt – aber der Traum färbt doch wie ein bitterer Nachgeschmack die Dinge, die man an dem Tag wahrnimmt.

Der Vertrag

Am besten hätte ich den Schattenhändler sofort aus der Wohnung geworfen, nachdem er mir die Vertragsbedingungen erläutert hatte! Genau das war auch mein erster Impuls gewesen. Sein Vorschlag, mir einen Schatten anpassen zu lassen, wenn ich ihm im Gegenzug neue Kunden zuführen würde, war mir gleich suspekt gewesen. Er erinnerte mich allzu sehr an das, was der S.E.S.-Beauftragte von mir verlangt hatte, auch wenn es sich – was den Schatten selbst anbelangte – gewissermaßen um den umgekehrten Prozess handelte. Andererseits war die Erinnerung an den Vormittag bei der S.E.S. zu dem Zeit­punkt noch sehr frisch. Der Gedanke, ich müsste wie der Mann, der dort mit mir gewar­tet hatte, noch etliche Male bei dieser Behörde vorsprechen, erschien mir uner­träglich.
„Gesetzt den Fall, ich würde dieses Angebot annehmen“, fragte ich daher vorsichtig, „wie sollte ich denn dann überhaupt weitere Kunden für Sie auftreiben? Und was würde passieren, wenn mir das nicht gelingen sollte?“
„Darüber lassen Sie sich mal keine grauen Haare wachsen!“ beruhigte mich der Schattenhändler. „Das wird sich alles beizeiten finden. Außerdem sagte ich Ihnen ja bereits, dass wir Kunden, de­nen unser besonderes Vertrauen gehört, nicht im Stich lassen. Sie können auch hier auf unsere Unterstützung bauen.“
Seine Stimme hatte eine warme Klangfärbung angenommen. In ihrem eintönigen, gleichmäßigen Fluss wirkte sie sehr einnehmend auf mich. Dennoch – oder gerade deswegen – wollte ich keineswegs ei­ne übereilte Entscheidung treffen.
„Ich würde mir das Ganze gerne noch einmal in Ruhe durch den Kopf gehen lassen“, bat ich deshalb. „Lassen Sie mir doch einfach Ihre Handynummer da. Ich werde mich dann in den nächsten Tagen bei Ihnen melden.“
Der Schattenhändler schüttelte bedauernd den Kopf: „Es tut mir furchtbar leid, aber das ist ganz gegen unsere Geschäftsbedingungen. Sie wissen ja, dass ich gerne mal ein Auge zudrücke – auch wenn ich das eigentlich nicht dürfte. Aber hier habe ich leider überhaupt keinen Spielraum. Das Angebot gilt nur für den heutigen Tag. Wenn ich zu Ihrer Tür hinausgehe, ist es schon verfallen.“
„Sie können doch nicht von mir verlangen“, empörte ich mich, „dass ich ohne nähere Prüfung einen Vertrag unterschreibe, der so weit reichende Folgen für mein weiteres Leben hätte!“
„Aber wer redet denn von einem Vertrag?“ wiegelte er ab. „So etwas widerspräche doch in eklatanter Weise dem kollegialen Verhältnis, das wir zu unseren Kunden pflegen! Wenn Sie unser Angebot annehmen, erfolgt unsere Einigung ganz einfach per Handschlag. Wir sind der festen Überzeugung, dass das Ehrenwort unserer Kunden mehr wert ist als alle vertrag­lichen Bindungen. Und unsere Kunden haben so die Sicherheit, dass sie sich nicht in den Fallstricken des Kleingedruckten verfangen können. Sie haben unser Wort, und darauf ist zu hundert Prozent Verlass.“
Ich stutzte erneut: Wenn mit der Firma keine richtigen Verträge abzuschließen waren, so handelte es sich bei dem Schattenhändler offenbar doch nur um einen Betrüger, der meine Notlage mit irgendwelchen Hintergedanken ausnutzen wollte. Ich nahm mir vor, den Flur später erneut auf etwaige Veränderungen hin abzusu­chen. Vielleicht war das Ganze ja auch eine raffinierte Form von Marktforschung, bei der heimlich ein Mikrofon oder eine Kamera in der Wohnung des Kunden installiert wurde.
Die wieder etwas lauter werdende Stimme des Schattenhändlers riss mich aus meinen Gedanken: „Ich muss Sie nur – so leid es mir tut – bitten, sich nun gleich zu entschei­den. Ich bedaure, Ihnen keine intensivere Beratung bieten zu können, aber es warten nun einmal noch andere Kunden auf mich.“
Derart unter Druck gesetzt, beschloss ich, mir die seltsamen Geschäftsprakti­ken dieser Firma zunutze zu machen. Was hinderte mich eigentlich daran, einem unbedeutenden Vertreter die Hand zu geben? Wenn ich mich am Ende doch gegen eine Geschäftsbeziehung mit Shadow Colours entscheiden sollte, könnte ich ja jederzeit von der Vereinbarung zurücktreten – rechtlich bindend wäre sie ohnehin nicht!
Gleichzeitig ließe sich, dachte ich mir, auf diese Weise überprüfen, wie ernst es meinem Gegenüber mit seinem Ehrenwort war. Ich würde feststellen können, ob man überhaupt für die Durchführung einer Schattenadhäsion an mich heranträte, wie diese aussähe und ob sie mir zusagte. Und wenn sie mir nicht gefallen sollte, könnte ich sie ohne weitere Begründung ablehnen. Warum sollte ich also nicht einfach einschlagen? Ich konnte dabei doch nur gewinnen!
„Also gut“, sagte ich schließlich, „ich bin einverstanden!“ Mit diesen Worten hielt ich dem Schattenhändler meine Hand hin.
„Eine vernünftige Entscheidung!“ lobte er mich. Er löste seine Finger, die er in Erwartung meiner Antwort geknetet hatte, aus ihrer Verschränkung und streckte mir den linken Arm entgegen. Dabei ging er – wie mir schien – unnatürlich langsam vor und blickte mir überdies in einer unangenehm stechenden Weise in die Augen.
Als unsere Hände einander berührten, drückte er nicht gleich fest zu, son­dern ließ seine Finger förmlich in meine hineingleiten. Angewidert spürte ich, wie sich das kalte, etwas feuchte Fleisch um meine Haut schlängelte. Es war mir, als würde ich in ein Loch voller Maden greifen. Ich war jedoch zu benommen, um meine Hand wegzuziehen. Umso mehr erschrak ich, als plötzlich die fremden Finger zuschnappten und sich fest um meine Hand schlossen. Es war kein normaler Händedruck. Ich empfand es eher wie einen Biss, der mein Blut in jäher Hast durch die Adern pulsieren ließ.
Es dauerte eine Weile, bis ich wieder zur Besinnung kam. Benommen sah ich mich um: Der Schattenhändler war verschwunden. Zurückgeblieben war nur ein Geruch von kaltem Schweiß, der aber ebenso gut von meinem eigenen Körper ausgehen konnte. Ich beschloss, mich auf keine weiteren Kontakte mit dieser Firma einzu­lassen.

 

Bild: Anne Worner: Bogeyman (Wikimedia)

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