Das Schattenverlustformular

Tagebuch eines Schattenlosen, Teil 33

Dienstag, 8. August

Zum ersten Mal habe ich das Gefühl, mit der Schreibarbeit an meine Grenzen zu stoßen. Schon beim Gedanken an das, was mir gestern widerfahren ist, bricht mir der Schweiß aus. Das Wort „Schattenermittlungsstelle“ reicht aus, um mein Herz aus dem Takt zu bringen.
Soll ich mit der Beschreibung der Ereignisse besser noch ein bisschen warten? In ein paar Tagen empfinde ich sie vielleicht nicht mehr als so belastend. Dann wird es mir womöglich leichter fallen, mich ihnen zu stellen. Andererseits kann ich mich an die Details natürlich umso besser erinnern, je kürzer sie zurückliegen.
Am besten gefällt mir die dritte Alternative: einfach gar nichts mehr aufzuschreiben. Aber das bringe ich jetzt, nachdem ich mich nun einmal in meiner Schreibwelt eingerichtet habe, auch nicht mehr fertig. Das ist eben der Preis, wenn man sich zum Helden seiner eigenen Geschichte macht!

Das Schattenverlustformular

Kurz nachdem der Mann, mit dem ich auf dem Flur der Schattenermittlungsstelle gewartet hatte, aufgerufen worden war, hatte sich abermals die Tür zum Nebenzimmer geöffnet. Eine Frau in einem dunkelblauen Kostüm trat auf mich zu. „Nummer 487?“ fragte sie.
„Ja“, sagte ich erleichtert. Endlich hatte das Warten ein Ende!
„Sind Sie das erste Mal bei uns?“ erkundigte sie sich.
„Ja, ich habe letzte Woche …“
„Dann müssen Sie erst noch dieses Formular hier ausfüllen“, unterbrach sie mich. „Schreiben Sie bitte nur mit Druck­buchstaben und drücken Sie dabei fest auf, damit man auch die Durch­schläge gut lesen kann.“ Damit verschwand sie wieder in ihrem Reich jenseits der Tür.
lust teuer zu stehen kommen würde.
Was dieser selbstgerechte Denunziant wohl in seiner Meldung geschrieben hatte? Vielleicht war er ja gar nicht so gut informiert, wie er tat! Es mag töricht gewesen sein, hierauf seine Hoffnung zu setzen. Angesichts des mir drohenden Ge­bührenbescheids blieb mir aber im Grunde gar nichts anderes übrig, als die Spalte zu­nächst frei zu lassen.
Die nächste Frage betraf die minimale und maximale Ausdehnung des Schat­tens – eine in meinen Augen völlig unverständliche Frage! Wer vermisst denn schon seinen Schatten bei unterschiedlicher Lichteinstrahlung, ja, wer schenkt ihm überhaupt Beachtung, solange er ihn als selbstverständlichen Teil des eigenen Daseins betrachtet? Zwar verlangte das Formular dem Ausfüllenden nur „Schätzwerte“ ab, aber auch damit konnte ich beim besten Willen nicht dienen. Nicht anders verhielt es sich mit der Frage nach den „besonderen Merkmalen“ des Schattens, an die ich mich ebenfalls – sofern es sie überhaupt gegeben haben sollte – nicht erinnern konnte.
Weitere Fragen sollten offenbar die erbliche Seite der Angelegenheit klären hel­fen. So wurde nach früheren Fällen von Schattenverlust in der Familie – mütter- und väterlicherseits – gefragt, und man sollte angeben, inwieweit von näheren und ferneren Verwandten Schattenverlustängste geäußert worden seien. In eine ähnliche Richtung wies die Frage nach „besonderen Vorkommnis­sen“, die womöglich dem Abhandenkommen des Schattens vorausgegangen wären. Hier wurde man aufgefordert, auch scheinbare Banalitäten auf Abweichungen von der Norm zu prüfen, da nur auf diese Weise der Fall zur Zufriedenheit aller Beteiligten bearbeitet werden könnte.
Schließlich war auch noch eine Erklärung darüber abzugeben, ob man seit dem Verlust des Schattens von behelfsmäßigen Schattenkonstruktionen – wie „Schattenprothesen“, „Schattenattrappen“ oder „Scheinschatten“ – Gebrauch gemacht bzw. hierüber Informationen eingeholt ha­be. Sicherheitshalber kreuzte ich hier „Nein“ an, da ich nicht wusste, ob dies vielleicht strafbar wäre. Dabei hatte ich noch nicht einmal das Gefühl zu lügen, denn schließlich war ich ja nicht von mir aus an Shadow Colours herangetreten. Insofern konnte man auch nicht sagen, dass ich Informationen über die Dienste dieser Firma „eingeholt“ hätte.
Kurz nachdem ich mit dem Ausfüllen fertig war, trat die dunkelblaue Dame wieder auf den Gang und fragte mich, ob sie das For­mular mitnehmen könne. Als ich es ihr überreichte, blieb sie zunächst noch eine Zeit lang vor mir stehen und überflog meine Angaben.
„Das Datum des Schattenverlusts fehlt noch“, bemerkte sie streng.
„Tut mir leid“, bedauerte ich, mein Herzklopfen überspielend, „daran kann ich mich nicht mehr genau erinnern.“
Die Dame warf mir einen abschätzigen Blick zu, vermerkte irgendetwas auf dem Formular und verschwand dann wieder hinter ihrer Tür.
Als endlich mein Mit-Schattenloser aus dem Büro trat, hatte ich schon über anderthalb Stunden gewartet. Noch ehe der Mann die Tür hinter sich schloss, steckte er sich einen neuen Kaugummi in den Mund und schnippte die Papierhülle auf den Boden.
„Was fällt Ihnen ein? Unsere Behörde ist doch kein Mülleimer!“ hallte es empört aus dem Büro.
Der Mann grinste mich mit derselben Komplizenhaftigkeit an wie vorhin, als er mich auf einmal geduzt hatte. Ich wich seinem Blick aus, da ich auf keinen Fall mit diesem Provokateur in einen Topf geworfen werden wollte. Schließlich hatte ich auch so schon genug Probleme.

 

Bild:  Stoochsnap: Korridor (Pixabay)

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