Im Abseits

Tagebuch eines Schattenlosen, Teil 30:

Sonntag, 6. August

Die ersten Mails von Leuten, die mir Mut zusprechen wollen, sind eingetroffen. Daneben Post von der Drogenaufsicht, wegen meiner Kokainzeile – die sind mir also tatsächlich auf den Leim gegangen!
Ich beginne, eine gewisse Exhibitionistenlust zu empfinden. Vielleicht sollte ich mir eine eigene Website zulegen, womöglich auch eine Schutzgebühr fürs Mitlesen erheben oder Werbung auf meiner Seite platzieren. Wenn mir ja sowieso alle beim Schreiben über die Schulter schauen, kann ich doch wenigstens ein bisschen Geld damit verdienen. Warum eigentlich nicht – an­dere machen das schließlich auch!

Hi Fans, hier ist euer Don-Quijote-Surfer, genannt Doki! – Ihr wisst ja, wie’s geht: nur die Kreditkartennummer ins kleine weiße Kästchen eintragen, auf „O.K.“ klicken, und los geht’s mit den unwahrscheinlichen Abenteu­ern von Doki the super bogy!

Oder erlangt man mittlerweile eher wieder mit leiseren Tönen Aufmerksamkeit, wie früher bei den Öffentlich-Rechtlichen?

Guten Abend, meine sehr verehrten Damen und Herren! Ich begrüße Sie ganz herzlich zu einer neuen Folge unserer beliebten Serie Don Quijote, der edle Cyber-Ritter. Wenn Sie wissen möchten, wie die Geschichte weitergeht, brauchen Sie nur die Nummer Ihrer Kreditkarte in das Blümchen in der Bildmitte einzugeben – in jedes Blättchen eine Nummer! Dann drücken Sie auf „Bestätigen“, und schon sind Sie mitten im Reich der wundersamen Abenteuer unseres wackeren Helden!

Spielereien, ich weiß … Aber ich kann mich auch kaum noch auf meine Rekonstruktionsarbeit konzentrieren. All das ist doch längst von den Er­eignissen der letzten Tage in den Schatten gestellt worden. (Dass ich diese Rede­wendung noch einfach so benutzen kann …) Und wer weiß, was morgen alles auf mich zukommt, wenn ich zu dieser ominösen S.E.S. muss!
Im Vergleich dazu kommt mir plötzlich alles, was damals geschehen ist, ganz unwichtig vor. Im Rückblick muss ich sagen: Die Dinge folgten einer Logik, die sich fast zwangsläufig aus dem ergab, was geschehen war. Unter den gegebenen Umständen konnte es gar nicht anders kommen, auch wenn mir das damals noch nicht bewusst war.

Geschichte eines Schattenverlusts:

  1. Im Abseits

Dass man mir mit der Versetzung in die neue Abteilung nicht unbedingt eine Wohltat erweisen wollte, ist mir ziemlich schnell klar geworden. Zwar hat es mich anfangs erleichtert, nicht mehr mit den Kollegen meiner Gruppe zusammenarbeiten zu müssen. Schließlich waren sie ja alle (bis auf Lina) Zeuge meines peinlichen Auftritts am Tag nach dem Betriebsaus­flug geworden. Aber ich hätte mir eigent­lich denken können, dass sich so etwas rasch herumspricht.
So begegnete man mir in der neuen Abteilung mit derselben distan­zierten Neugier und gekünstelten Normalität wie in meinem alten Team. Besonders unangenehm war mir, dass sich mein neuer Ar­beitsplatz an einer Art Knotenpunkt befand, wo sich die Hauptwege durch das Großraumbüro kreuzten. Dadurch liefen andauernd Kollegen an mir vorbei, die – wie mir schien – stets verstohlen zu mir hinsahen.
Natürlich kann ich nicht mit Sicherheit sagen, ob man mir diesen exponierten Computerarbeitsplatz absichtlich zugewiesen hat. Tatsache ist jedoch, dass ich an ihm einerseits ständig unter Beobachtung stand, andererseits aber selbst kaum die Möglichkeit hatte, mit anderen zwanglos Kontakt aufzunehmen. Denn da die Hauptwege das Großraumbüro in diagonaler Richtung durchschnitten, war mein Arbeitsplatz nach vorne hin dreiecksförmig zugeschnitten. Erst dahinter waren die Stellwände so angeordnet, dass sich die Arbeitsplätze zu kleinen Gruppen zusammenfügten.
Auch von der eigentlichen Arbeit her brachte mir die Versetzung in die neue Ab­teilung nur Nachteile. Anders als ich nach dem Gespräch mit Frau Zimmermann angenommen hatte, hatte man meine Kompetenzen nicht etwa er­weitert, sondern beschnitten. Ich war nun – was früher nicht der Fall gewesen war – einem Controller zugeordnet, der meine Arbeit Tag für Tag überprüfte. Da ich zu den anderen Mitgliedern meiner Gruppe kaum Kontakt hatte, fehlte mir der Vergleichsmaßstab, der es mir erlau­bt hätte, die Beaufsichtigung meiner Arbeit richtig einzuschätzen.
Subjektiv empfand ich das Verhalten des Controllers mir gegenüber jedenfalls als starke Belastung. Im Schnitt hatte er mindestens jeden zweiten Tag etwas an meiner Arbeit auszusetzen. Dabei handelte es sich in der Regel zwar nur um Bagatellen. Auf diese wies er mich jedoch stets in einem betont nach­sichtigen Ton hin, mit dem er mir zu verstehen gab, dass man es von mir auch nicht erwarten könne, derartige Fehler zu vermeiden.
Obwohl ich damals schon unter Schlafstörungen litt, bemühte ich mich, meinen frühe­ren Arbeitsrhythmus beizubehalten. Schließlich wollte ich weder mir selbst noch anderen den Eindruck vermitteln, meine Arbeitsfähigkeit sei eingeschränkt.
Eines Tages, als ich wie gewohnt um halb acht zu meinem Arbeitsplatz kam, fand ich die­sen aufgeräumt vor wie schon lange nicht mehr. Ich bekam sofort ein schlechtes Gewissen, weil ich mich daran erinnerte, am Tag zuvor noch sehr lange in ir­gendwelchen Akten geblättert und diese dann nicht mehr an ihren Platz zurückgestellt zu haben. Sollte etwa die Putzfrau die Akten für mich weggeräumt haben?

 

Bild: Peter H: aussortiert (Pixabay)

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