Das Schattenverlustgesetz

Tagebuch eines Schattenlosen, Teil 27

Mittwoch, 2. August

Manche Träume sind wie Vertreter, die einen mit vermeintlichen Gratisangeboten zu ködern versuchen. Beißt man an, so dauert es nicht lange, bis sie einem die Rechnung für das scheinbare Geschenk präsentieren.
Um einen solchen Traum handelt es sich auch bei meinem Kindheitswunsch, Fahrkartenkontrolleur zu werden. Wann immer ich mich von jemandem ungerecht behandelt fühlte, stellte ich mir damals vor, er wäre Fahrgast in einem von mir, dem unbestechlichsten aller Fahrkartenkontrolleure, beherrschten Zug. So klein ich auch war, so groß war doch meine Macht. Wer sich mir nicht fügte, den konnte ich durch eine Armee von Uniformierten abführen lassen, die mir zu bedingungslosem Gehorsam verpflichtet waren.
Gnadenlos bestrafte ich noch das kleinste Fehlverhalten: auf den Polstern ruhende Füße in Straßenschuhen, tropfende Eisbällchen oder zu lautes Musikhören. Wer Anstalten machte, sich mir zu widersetzen, wurde umgehend des Zuges verwiesen.
Das Lieblingsobjekt meiner Kontrolleursphantasien war mein Deutschlehrer. Meine Krakelschrift wirkte auf ihn so ähnlich wie auf manche Menschen behaarte Spinnenbeine. Wann immer er mir mein Heft zurückgab, hatte sein Rotstift sich darin ausgetobt wie ein Triebtäter bei einem sadistischen Blutbad. Einmal, nach einer besonders heftigen Rotstiftattacke, habe ich meinen imaginären Zug sogar auf offener Strecke anhalten lassen und den Serientäter mitten im Winter durch Schlamm und Schneematsch nach Hause waten lassen.
Der Preis, den ich für den Kindheitstraum zahlen muss, ist die Tatsache, dass er sich gerade jetzt in meinem Gedächtnis zurückgemeldet hat. Ausgerechnet in einem Moment, in dem ich selbst das Opfer eines solchen erbarmungslosen Verfolgers von Regelübertretungen zu werden drohte.

Das Schattenverlustgesetz

„Schattenverlustgesetz“ – so etwas konnten sich doch selbst die fanatischsten Bürokraten nicht ausdenken! Für einen Augenblick hatte ich gedacht, der Vertreter der Schattenermittlungsstelle wolle mich auf den Arm nehmen. Der Blick meines Gegenübers verriet jedoch nicht den geringsten Anflug von Spott. So nahm ich unwillkürlich eine Verteidigungshaltung ein.
„Ich hätte nicht gedacht, dass es für den Verlust eines Schattens Vorschriften gibt“, bekannte ich kleinlaut.
„Sie sind sich aber doch hoffentlich darüber im Klaren“, maßregelte mich der bleiche Gesetzesdiener, „dass Ihre Unwissenheit Sie nicht vor den Sanktionen schützt, die das Gesetz im Übertretungsfall vorsieht?“
„Sanktionen?“ empörte ich mich. „Aber ich bin es doch, der einen Verlust erlitten hat! Ich wüsste nicht, warum das Sanktionen nach sich ziehen sollte.“
„Der Verlust an sich ist vom Gesetzgeber in der Tat nicht unter Strafe gestellt worden“, belehrte mich der S.E.S.-Vertreter. „Obwohl es auch hier abweichende Auffassungen gab und gibt, die dem vom Verlust Betroffenen eine Mitschuld an dem Akt der Verlustiggehung geben. Wie Sie aber eigentlich wissen müssten, ist – im Interesse des Volkswohls – eine Melde­pflicht für abhanden gekommene Schatten eingeführt worden. Danach ist der Verlust eines Schattens innerhalb einer Frist von drei Tagen, gerechnet vom Au­genblick der Verlustiggehung an, bei den zuständigen Behörden anzuzeigen. Wenn die Person, die die Verlustiggehung erlitten hat, diese Frist nicht einhält, muss ein Bußgeld entrichtet werden, das sich nach der zeitlichen Ausdehnung der Fristüberschreitung bemisst. Bei nachgewiesener dauerhafter Widerstandsleistung gegen die Meldepflicht können auch weiter gehende Strafen verhängt werden, bis hin zum Entzug der Bürgerrechte.“
Den Rest seines Vortrags hatte er wie auswendig gelernt heruntergeleiert – of­fenbar war ich nicht der Erste, dem dieser Erzengel der Gesetzgebung erschien. Dennoch verfehlten seine Worte ihre Wirkung nicht, zumal sie mich völlig unvorbereitet trafen.
Ich sah ihn erschrocken an: „Und was soll ich Ihrer Meinung nach jetzt unternehmen?“
Er antwortete mir mit der milden Genugtuung eines Lehrers, der die Betroffen­heit im Gesicht eines nicht versetzten Schülers wahrnimmt: „Wie Sie sich verhalten sollten, hängt – wie ich Ihnen ja gerade darzulegen versucht habe – weniger von meiner bescheidenen Meinung ab als vielmehr von den gesetzlichen Vorschrif­ten. Das bedeutet, dass Sie spätestens morgen bei der Schattenermittlungsstelle vorstellig werden und dort den Verlust Ihres Schattens anzeigen müssen.“
„Aber“, wandte ich ein, „Sie deuteten doch gerade an, dass das zum jetzigen Zeitpunkt mit be­trächtlichen Sanktionen verbunden wäre.“
Herr Tramer verzog das Gesicht. „Es ist nicht meine Schuld und auch nicht die Schuld der S.E.S., wenn Sie sich nicht mit den Gesetzen des Landes befassen, in dem Sie leben.“
Beiläufig blickte er auf seine noch immer ineinander verschränkten Hände, deren Finger er einen lautlosen Marsch spielen ließ. „Allerdings haben Sie in­sofern Glück, als Sie in mir keinen direkten Vertreter der S.E.S., sondern nur einen – wenn auch staatlich vereidigten – Vermittler vor sich haben. Als solcher habe ich die Möglichkeit, mich bei der S.E.S. für Sie zu verwenden, sofern mir“ – er sah von seinen Händen auf – „dies gerechtfertigt erscheint.“
Für einen Augenblick war es ganz still. Ich spürte den lauernden Blick des gestrengen Männleins auf mir ruhen, wich ihm aber zunächst aus. Sollte es möglich sein, fragte ich mich, dass diese un­scheinbare Person über die Macht verfügte, eine staatliche Stelle in ihrem Sinne zu beeinflussen?

 

Bild: Free Photos. Cave (Pixabay)

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