Seltsamer Besuch bei Lina

Tagebuch eines Schattenlosen, Teil 25

Montag, 31. Juli

Ein unangenehmer Verdacht hat mich beschlichen. Ich hoffe zwar, dass ich mir das Ganze nur einbilde, aber es gelingt mir einfach nicht, mir meinen Argwohn auszureden. Den ganzen Morgen über versuche ich schon, mich an ein bestimmtes Detail meines zweiten Besuchs bei Lina zu erinnern – lei­der bislang ohne Ergebnis. Ich will versuchen, mir noch einmal alles im Zusam­menhang vorzustellen. Vielleicht gelingt es mir dann eher, mich auf Einzelheiten zu besinnen.

Geschichte eines Schattenverlusts:

17. Seltsamer Besuch bei Lina

Von einer Mischung aus Scham und Sehnsucht getrieben, hatte ich mich gleich am Morgen nach meinem blamablen Auftritt bei Lina wieder auf den Weg zu ihr gemacht. Als mir niemand öffnete, nahm ich an, Lina sei vielleicht gerade im Bad. Nach einer Weile drangen von drinnen Geräusche an mein Ohr. So klingelte ich noch einmal und legte mein Ohr an die Tür, um mich zu vergewissern, dass ich mich nicht verhört hatte.
Ich konnte mich gerade noch aufrichten, bevor die Tür aufging und Lina, nur mit einem Morgenmantel bekleidet, vor mir stand. Es war ihr deutlich anzu­merken, dass sie nicht sonderlich begeistert war, mich zu sehen. Klar, ich konnte sie verstehen. Dennoch schmerzte mich ihre düstere Miene.
„Lina, ich … es tut mir leid“, stammelte ich, auf ihren Morgenmantel starrend.
Lina schüttelte den Kopf. Ich fürchtete schon, sie würde mir einfach die Tür vor der Nase zuschlagen. Dann aber brach es aus ihr heraus: „Also weißt du: Erst haust du einfach ab, und dann tauchst du plötzlich mir nichts, dir nichts wieder auf. Glaubst du etwa, ich hätte mich einfach aufs Sofa gesetzt und auf dich gewartet?“
„Ich weiß ja selbst, dass ich mich wie ein Idiot benommen habe“, entschuldigte ich mich. Unwillkürlich senkte ich die Stimme: „Aber ich habe dir doch gestern schon gesagt, dass … dass ich keinen Schatten habe.“
Lina sah mich unschlüssig an. „Also gut, komm rein“, gab sie schließlich nach. „Ich sage dir aber gleich, viel Zeit habe ich heute nicht. Ich bin be­schäftigt.“
Die Kälte in ihrer Stimme bedrückte mich, aber ich war doch froh, dass sie mich hereinließ. Ich zweifelte nicht daran, dass sie mir – nachdem ich ihr alles noch einmal in Ruhe erklärt hätte – mein gestriges Auftreten verzei­hen würde.
Auf ihrem Wohnzimmertisch stapelten sich diverse Unterlagen und Aktenordner. „So ist das nun einmal, wenn man unangemeldet kommt“, bemerkte Lina vorwurfsvoll, meinen Blick deutend. „Hier wird eben gerade gearbeitet. Ich bin dabei, ein paar Versiche­rungsunterlagen zu ordnen“, erklärte sie. Dabei betonte sie jedes einzelne Wort, als redete sie mit einem Schwerhörigen. Gleichzeitig ging sie rasch zur gegenüberliegenden, zum Schlafzimmer führenden Tür. Bevor sie sie schloss, machte sie eine ruckartige Bewegung mit dem Kopf, wie um jemand anderen auf mich aufmerksam zu machen.
Das alles ließ mich für mich nur einen Schluss zu: Offenbar hatte Lina rasch einen Ersatzmann für mich gefunden! Mit diesem setzte sie nun das fort, was ihr gestern mit mir nicht gelungen war. Das also war die „Beschäftigung“, von der sie so wichtigtuerisch gespro­chen hatte!
Ich fühlte mich wie ein Kind, dem jemand das Eis aus der Hand geschlagen hat. „Entschuldige“, sagte ich kühl, „ich wollte dich nicht stören.“ Damit wandte ich mich zum Gehen.
Lina sah mir in die Augen. Ein gehetzter Ausdruck lag in ihrem Blick. „Schon gut“, erwiderte sie. „Jetzt bist du nun mal da. Also sag schon: Was willst du?“
Sie war stehen geblieben, so dass auch ich mich nicht hinsetzte. Ich schwieg, teils aus Schmerz und teils aus Trotz. Schließlich wusste sie ja ganz genau, was ich wollte. Ihre Frage sollte mich nur bloßstellen. Ziellos tasteten meine Augen ihr Zimmer ab. Dabei fiel mein Blick auf etwas, dem ich zunächst keine Beachtung geschenkt habe. Jetzt aber zittere ich innerlich, wenn ich daran zurückdenke …
Gestern habe ich mir die Hülle der DVD von Shadow Colours noch einmal genauer angeschaut, weil ich wissen wollte, wo diese merkwürdige Firma ihren Sitz hat. Schließlich hat der Schattenhändler mir ja weder eine Visitenkarte gegeben noch irgendwelche Kontaktdaten aufgeschrieben. Auch auf den Prospekten ist nirgends eine Adresse zu finden.
Beim Betrachten der DVD-Hülle ist mir auf einmal ein Detail aus Linas Wohnung wieder in den Sinn gekommen. Während meines Besuchs bei ihr fiel gerade ein Sonnenstrahl auf das neben dem Computer stehende Regal, in dem Lina ihre CD- und DVD-Sammlung aufbewahrt. Eine DVD-Hülle lehnte halb aufgeklappt vorne am Regal – und darauf glitzerte es, als würde man auf ein Hologramm blicken. Auf ein Hologramm, wie es auch auf der DVD zu sehen ist, die der Schattenhändler mir dagelassen hat!
Wie gesagt, ich habe dem kleinen Detail damals keinerlei Bedeutung beigemessen. Schließlich ist ein Hologramm ja an sich nichts Ungewöhnliches. Zu dumm, dass ich es jetzt nur noch ganz verschwommen vor mir sehe! So sehr ich mich auch anstrenge, es gelingt mir einfach nicht, mich genauer daran zu erinnern.
Irre ich mich also, wenn ich annehme, dass auch Lina eine DVD von Shadow Colours besitzt? Oder ist es doch wahr? Hatte auch sie Kontakt mit dieser ominösen Firma?
Sollte dem so sein, so würde das ein ganz neues Licht auf die Dinge werfen. Was, wenn Lina schon vor unserer ersten Begegnung einen künstlichen Schatten hatte? Der Gedanke ängstigt mich ebenso, wie er mich andererseits auch wieder beruhigt. Es ist mir, als könnte ich die plötzlichen Veränderungen in Linas Verhalten dadurch irgendwie leichter ertragen – als wären sie gar nicht wirklich von ihr ausge­gangen. Freilich müsste ich dann auch meinen ersten Besuch bei ihr neu be­werten – was mir jedoch aus denselben Gründen widerstrebt, aus denen mir die Umdeutung des zweiten Treffens angenehm wäre.
Ich bekomme noch immer Beklemmungsgefühle, wenn ich an das eisige Schweigen zurückdenke, mit dem Lina mich abserviert hat. An den schneidenden Ton, mit dem sie mich schließlich rausgeworfen hat: „Wenn du nichts zu sagen hast, solltest du besser gehen!“

Um Gottes wil­len, es klingelt – bestimmt wieder der Schattenhändler! Ich mache einfach nicht auf, soll er sich doch die Finger wund klingeln da draußen. Sicher hat er nur darauf gewartet, dass ich die DVD einlege. Vielleicht gibt sie irgendein Signal ab, sobald man sie abspielt. Denken die etwa, ich merke das nicht? Ich lasse doch nicht alles mit mir … Jetzt klopft er auch noch, das geht nun aber wirklich … Was ist das? Will er etwa die Tür aufbrechen?

Bild: Gerd Altmann: Soul (Pixabay)

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