Versteckte Kamera

Tagebuch eines Schattenlosen, Teil 24

Samstag, 29. Juli

Mein Gott, war ich naiv! Statt mich an den Computer zu setzen, hätte ich mich ja genauso gut auf den Marktplatz stellen und mich vor aller Augen nackt ausziehen kön­nen! Da sitzen doch wirklich so ein paar Voyeure wie die Spinnen im weltweiten Netz und laden sich einen runter, sobald sie auch nur das leiseste Zappeln im Netz spüren. Eine falsche Bewegung, und du bist dran!

O.K., ihr Netz-Spanner, hier ist ein Köder für euch:

Hallo ich heiße Theo ich bin ein perverser Kinder­schänder mein Schwanz ist elefantenlang ich habe ihn mit Kokain eingerieben mein transsexueller Freund und ich wir stehen da einfach drauf!!!!!

Mein Virenscanner versichert, der Computer sei mit allen nötigen Updates gefüttert. Aber natürlich gibt es auch hier wieder eine Premium-Version, die dem besorgten User wärmstens empfohlen wird. Spezieller Tipp: Ich solle mir eine Verschlüsselungssoftware zulegen, so etwas sei nicht so leicht zu knacken. Dafür ist es aber bestimmt auch um einiges teurer als eine normale Firewall! Hauptsache, die Kasse stimmt …
Und wenn ich die DVD nun falsch gedeutet habe? – Ach was, ein Irrtum ist so gut wie ausgeschlossen! Was schaue ich Idiot mir so etwas auch gerade an einem so heiklen Punkt meiner Rekonstruktionsarbeit an!
Wieder so eine Flucht … Diesmal ist sie aber gründlich danebengegangen. Schließlich kann ich jetzt nicht einfach weitermachen, als wäre nichts ge­schehen. Vielleicht sollte ich mich wie ein Steinzeitmensch an den Küchentisch setzen und einen Steno-Block nach dem andern vollkritzeln. Wie die Dinge stehen, wäre das fast schon konspirativ! Aber ich habe ja noch nicht mal Papier im Haus …
Also, noch mal für alle: Gestern Abend habe ich mir die DVD angeschaut, die mir der Schattenhändler dagelassen hatte! Sphärenklänge am Anfang, prima Sound, dazu Meeresrauschen, den Bildschirm durchfließt eine schwerelose Brandung – ich fühlte mich richtig entspannt. Und dann schält sich, ganz allmählich, eine Gestalt aus dem Nebel heraus. Anfangs ist sie nur schemenhaft zu erkennen, dann tritt sie immer deutlicher hervor, schwimmt aber noch eine ganze Zeit lang gesichtslos durch die Brandung.
Als schließlich klar wird, dass es sich um einen durch den Nebel spazierenden Mann handelt, wird die Sphärenmusik allmählich leiser, bis nur noch die Hintergrundbässe übrig bleiben. Diese werden nun in anschwellendem Stakkato lauter, wie ein Herz, das aufgeregt schlägt.
Gleichzeitig teilt sich die zuvor unförmige Brandung in kleinere Wirbel auf, die in zunehmender Geschwindigkeit um den Mann zu kreisen beginnen. Am Ende wird er selbst in die Schwindel erregenden Drehbewegungen mit einbezogen, hält aber sein Gesicht weiter unverwandt der Kamera entgegen. Fast scheint es sich von seinem ruhelosen Körper zu lösen. Da fällt ein unnatürlich klarer Lichtstrahl auf seine Züge, er schreit, aber das Pochen der Bässe übertönt alles. Die Kame­ra schwenkt auf die Fläche hinter ihm, tastet den Boden vor ihm ab, geht auf den Weg rechts, dann auf die Fläche links neben ihm, umkreist ihn schließlich noch einmal ganz …
Der Wechsel der Einstellungen erfolgt jetzt so schnell, dass auch dem Betrachter schwindlig wird. Die Kamera blickt von schräg unten und von schräg oben, von rechts und von links auf den Mann – bis auf einmal klar wird, was sie so aufdringlich zu zeigen versucht: Der Mann hat keinen Schatten!
Es wird ganz still, die Kamera beruhigt sich und zeigt den Mann wieder aus der Totalen. Sie sieht zu, wie die Nebelschwaden ihn in sich aufsaugen, während die Bässe zu einem finalen Trommelwirbel anheben. In dem Augenblick mahnt eine Stimme aus dem Off: „Lassen Sie es nicht so weit kommen! Denken Sie rechtzeitig an Ihre Schatten­vorsorge! Kommen Sie zu Shadow Colours, Ihrem verlässlichen Partner für Schattenadhäsionen aller Art. Shadow Colours – the colours that cover you!“
Die DVD allein hätte mich wahrscheinlich nicht gleich aus der Fassung ge­bracht. Ein Werbefilm eben, von der Sorte, wie man sie schon hundert Mal gese­hen hat. Das Schockierende an dem Film war für mich das Gesicht des Mannes – denn es war, daran konnte kein Zweifel bestehen, mein Gesicht! Entweder hat mich also heimlich jemand aufgenommen, als ich damals in Hadderstetten am Fluss in den Morgen spaziert bin, oder die Werbefritzen haben mein digitales Selbstge­spräch per Computeranimation zu einem ganz persönlichen Horrortrip verarbei­tet.
Oder habe ich mich doch versehen? Schließlich war die Kameraführung gewollt chaotisch, und in dem Nebelmeer ist das Gesicht des Mannes nur undeutlich zu erkennen. Bin ich also nur auf die typischen Tricks der Werbefilmer reingefallen und habe intuitiv ein Allerweltsgesicht mit meinen Zügen ausgestattet?
Ich könnte ja einfach auf „Play“ drücken und mir alles noch mal von vorn ansehen … Aber nein, das wäre unerträglich!

 

Bild: FFFFmn: Chaus (wikimedia Commons)

Eine Antwort auf „Versteckte Kamera

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