Entfremdung

Tagebuch eines Schattenlosen, Teil 23

Freitag, 28. Juli, abends

Vor ein paar Jahren habe ich einmal in einem Zoo Flughunde beobachtet. Sie hatten ein schönes, geräumiges Gehege, in dem sie immer wieder mit leisem, kaum hörbarem Flügelschlag hin und her flatterten und an dem Napf mit Früchten naschten, der auf dem Boden für sie bereitstand.
Was mich an den Tieren so faszinierte, war, dass sie mir fremd und vertraut zugleich waren. Mit ihren dunkelglänzenden Flügeln, deren Spannweite die unserer Fledermäuse um Längen überragt, wirkten sie auf mich wie Wesen aus der Vergangenheit. Wenn sie in die Nähe des Maschendrahts kamen, der ihren Käfig umschloss, hatte ich fast das Gefühl, in ihrem Flügelschlag den Atem einer anderen, unendlich lange zurückliegenden Zeit zu spüren.
Und doch fühlte ich mich diesen Wesen, so fremd sie mir auch waren, auf eine seltsame Weise nahe. Denn wann immer einer der Mini-Drachen seine Fluglust befriedigt und seinen Appetit gestillt hatte, kuschelte er sich danach wieder in das Knäuel seiner Artgenossen, das als lebender Kokon in einer Ecke des Käfigs von der Decke hing. Es war, als würden die Tiere sich auf diese Weise über ihre Gefangenschaft hinwegtrösten.
Natürlich war das in ihrem Fall eine sehr konkrete Gefangenschaft, ein Abgeschnittensein von der Freiheit ihrer natürlichen Umgebung. Aber flohen sie in ihrem Gemeinschaftsnest nicht auch vor einer ganz anderen, tiefer liegenden Gefangenschaft, die alle Lebewesen gleichermaßen betrifft? Der Gefangenschaft in einer Existenz, die uns radikal von anderen trennt? Einem Eingeschlossensein in uns selbst, aus dem nur in ganz wenigen Augenblicken eine Brücke zu einem anderen Dasein führt?
Irgendwie habe ich das Gefühl, das alles sich anders entwickelt hätte, wenn ich mich damals bei Lina nicht so dämlich angestellt hätte. Aber was heißt das schon: dämlich angestellt? Es war ja keine bewusste Entscheidung, sich plötzlich von ihr zurückzuziehen. Eher bin ich dabei einem inneren Zwang gefolgt, den ich heute selbst nicht mehr verstehen kann.

Geschichte eines Schattenverlusts:

16. Entfremdung

Wenn ich an den Augenblick zurückdenke, in dem mein Tête-à-Tête mit Lina ein so jähes Ende nahm, sehe ich nur eine große Dunkelheit vor mir. Das Einzi­ge, woran ich mich noch genau erinnern kann, ist dieser unerklärliche Einbruch in meinem Lustempfinden, diese plötzliche Gleichgültigkeit, die schließlich einer Art von Ekel wich. Es war, als hätte mir jemand ein Mittel injiziert, das die Wirkung der ausgeschütteten Hormone in ihr Gegenteil verkehrt.
So musste Adam sich gefühlt haben, nachdem er vom Baum der Erkenntnis genascht hatte! Auf einmal verloren die Dinge ihre Selbstverständlichkeit. Der fleischige Fortsatz, der fremd aus meiner Körpermitte herauswuchs, erschien mir plötzlich wie ein schnell wachsendes Geschwür. Und der blutrote Lappen in meinem Mund, dessen schweigendes Sprechen ich eben noch als so lustvoll erlebt hatte, fühlte sich nun an wie ein toter Fisch, der mich am Atmen hinderte.
Allerdings richtete sich das Ekelge­fühl nur gegen mich selbst, nicht gegen die in die Kissen zurückgesunkene Lina. Für sie empfand ich in der Situation eher so etwas wie Mitleid.
„Was ist?“ fragte sie, die Augen aufreißend. „Fehlt dir was?“
„Ich kann das nicht“, murmelte ich.
Sie richtete sich halb auf. „Was soll das heißen – du kannst das nicht?“ Es klang erstaunt, aber auch ein wenig belustigt.
„Nichts weiter, als dass ich es nicht kann“, erwiderte ich, schroff vor Enttäu­schung über mich selbst. Wohl um mir selbst mein Verhalten zu erklären, ergänz­te ich: „Ich habe keinen Schatten.“
Zu meiner Verwunderung versetzte sie mein Outing keineswegs in Erstaunen: „Aber das macht doch nichts. Tausende von Menschen laufen ohne Schatten durch die Welt.“
Ich sah sie unverwandt an. Erst jetzt fiel mir auf, dass wir uns die ganze Zeit nur über allgemeine Themen unterhalten und die Vorfälle im Büro mit keinem Wort erwähnt hatten. Dabei hatte ich Lina doch eigentlich ge­rade deshalb besucht!
Sie beugte sich vor und berührte mit den Lippen leicht meine Brust. „Wegen so etwas“, flüsterte sie, „muss man sich doch nicht jede Freu­de am Leben nehmen lassen.“ Geistesabwesend strich sie mit ihren Fingern über meine Brusthaare.
Ich fühlte mich missverstanden. Eine Weile lang schwieg ich und ließ Lina, die weiter mit meinen Brusthaaren spielte, gewähren. Schließlich packte ich sie bei den Schultern und blickte ihr in die Au­gen. „Lina“, sagte ich fest, „ich weiß nicht, ob du mich richtig verstanden hast: Ich habe wirklich keinen Schatten. Ich meine das ganz wörtlich.“
Erst jetzt mischte sich ein leichtes Erstaunen in ihren Blick – allerdings nicht so, wie ich es vermutet hatte. „Aber daran zweifle ich doch gar nicht! Glaubst du, ich hätte das nicht bemerkt?“ Neckend fügte sie hinzu: „Ich weiß nur nicht, was das mit deinem … deinem Können auf einem bestimmten Gebiet zu tun haben soll.“
Sie wollte sich aus meinem Griff befreien und ihre vorherigen Zärtlichkeiten wie­der aufnehmen. Nun aber war mir die Lust erst recht vergangen. Mir schien, dass Lina mein Problem nicht ernst nahm. Also machte ich mich von ihr los und stellte mich ans Fenster.
Linas Wohnung befand sich in einer schwach beleuchteten Seitenstraße, die nun allmählich in einer trüben Novemberdämmerung versank. Wir mussten sehr lange miteinander geredet ha­ben. Aber so sehr ich mich auch an die Themen zu erinnern versuchte, die wir dabei gestreift hatten, es gelang mir doch nicht, mich auf etwas Bestimmtes zu besinnen.
Obwohl ich Linas enttäuschten Blick in meinem Rücken spürte, verkündete ich schließlich kalt, dass ich jetzt gehen müsse. Dabei tat es mir selbst weh, sie gerade in diesem Moment, in dem die Welt draußen zu einem formlosen Nebel zerfloss, zu verlassen. Aber es war undenkbar, nun noch einmal an den warmherzig-harmlosen Gesprächston von vorhin anzuknüpfen. Wahrscheinlich klang ich deshalb auch so abweisend und schied wie im Streit von Lina
Ich streifte Hemd, Jacke und Schuhe über, dann stürzte ich wortlos hinaus. Kaum war ich auf der Straße, war mir mein Tun völlig unverständlich. Aber jetzt gab es natürlich erst recht kein Zurück mehr.

 

Bild: Skeeze: Frau am Fenster (Pixabay)

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