Ein (un-)erotisches Abenteuer

Tagebuch eines Schattenlosen, Teil 22

Freitag, 28. Juli

War das Telefonat mit Lina wirklich so peinlich, wie es mir gestern erschienen ist? Oder kommt mir das nur so vor, weil ich meine jetzigen Gefühle für Lina nicht von dem trennen kann, was danach passiert ist?
In der Tat erscheint ihr Bild, wenn ich heute an sie zurückdenke, überlagert von einem ganzen Spiegelkabinett alptraumhafter Erinnerungen. Das erste Telefonat mit ihr wirkt auf mich dabei wie ein kleines Mosaikstück in einem großen Wandrelief, bedeu­tungslos fast, aber eben nicht zu trennen von dem Gesamteindruck, den das Bild erzeugt.
Immerhin scheint Lina mir den plötzlichen Abbruch des Telefonats nicht verübelt zu haben. Sonst hätte sie wohl kaum kurz darauf noch einmal angerufen. Und nicht nur das: Sie hat mich sogar spontan zu sich eingeladen! Das alles muss für mich damals doch wie eine Befreiung gewesen sein, ein plötzlicher Luftzug in der Gruft, in der ich lebendig begraben war! Warum also ist das nicht der entscheidende Eindruck, der in meinem Gedächtnis haften geblieben ist? War das Unangenehme in dem Augenblick wirklich so dominant? Oder sind es nur die folgenden Geschehnisse, die die Erinnerung in ein derart düsteres Licht tauchen?

Geschichte eines Schattenverlusts:

15. Ein (un-)erotisches Abenteuer

Was ich damals wohl empfunden habe, als ich mich auf den Weg zu Lina gemacht habe? Wie waren meine Erwartungen an den Besuch? Habe ich mir einfach eine Vertiefung des Gesprächs erhofft, das wir am Telefon begonnen hatten? Das Schwingen zweier Saiten, die sich in ihrem Rhythmus immer mehr einander annähern? Oder war ich insgeheim vielleicht doch auf ein amouröses Abenteuer aus? Aber schließt das eine denn das andere aus? Ist eine erotische Begegnung nicht die intensivste Form des Sich-Einander-Anvertrauens?
Tatsache ist jedenfalls, dass die Atmosphäre, in der Lina und ich uns an dem Abend un­terhielten, erotisch aufgeladen war. Möglich, dass das nicht gleich am Anfang der Fall war. Aber spä­testens als wir vom Tisch in ihre Sofaecke umgezogen wa­ren, lag dieses ganz bestimmte Knistern in der Luft. Unsere Augen schimmerten feucht, und unsere Stimmen klangen weicher, vielleicht auch etwas heiserer als sonst.
Ich erinnere mich noch genau an das elektrisierende Gefühl, das mich durchströmte, als unsere Hände einander endlich umspielten. Fast körperlich spüre ich noch ihr schüchternes Sich-Vorantasten, ihr vorsichtiges Erkunden des fremden Seins, ehe sie sich schließlich ganz ihrer Expeditionslust hingaben.
Ich mag diese ersten Augenblicke einer aufflammenden Liebe, dieses seltsame Schwanken zwischen Bewusstlosigkeit und höchster Bewusstheit. Diesen geistigen Rausch, in dem das Ich ganz bei sich ist und doch ganz konzentriert auf ein Geschehen an der äußersten Peripherie des eigenen Seins. Diesen Augenblick außerhalb der Zeit, in dem wir, auf einer Klippe stehend, mit den Finger­spitzen die Fingerkuppen eines auf der Klippe gegenüber stehenden Menschen berühren, der uns über die emporschlagende Brandung hinweg die Arme entgegen­streckt. Diesen süßen Geschmack auf den Lippen, ihr weiches Nachgeben, wenn sie sich einander nähern.
Natürlich haben wir kurz darauf jenes Gespräch aufgenommen, das in all den Spra­chen, in denen „Zunge“ und „Sprache“ mit ein und demselben Wort bezeichnet werden, wohl leichter auszu­drücken ist als im Deutschen. Unsere Hände hatten wir nun ganz von der Leine gelassen, sie kreisten frei um uns herum, herauf und herab an unseren Körpern. Ein jeder berauscht von dem Atem des Anderen, verloren wir allmählich jedes Gefühl für Zeit und Raum.
Lina trug an jenem Tag eine tief ausgeschnittene Bluse. Es war ein Leichtes, die drei oder vier Knöpfe, von denen sie zusammengehalten wurde, aus den Knopflöchern zu nesteln. Geschickt schüttelte sie den seidigen Stoff ab. Nun war nur noch die Schnalle des Büstenhalters in ihrem Rücken zu öffnen. Noch während ich mich daran zu schaffen machte, glitten Linas Finger unter mein T-Shirt und zogen es geschickt über meinen Kopf. Dann streifte sie die Träger ihres Büstenhalters ab und ließ sich in das Sofa zurücksinken.
Noch wenige Tage vor meinem Besuch bei Lina hätte nun wohl alles den üblichen Verlauf genommen. Das Denken war ja ausgeschaltet, die Instinkte hatten die Regie übernommen. Aber irgendetwas störte mich. Etwas Unheimliches lag in der Luft. Ich hatte auf einmal das Gefühl, Lina sei gar nicht mehr die, für die ich sie hielt. Hinter ihren halb geschlossenen Augenlidern schien ein teichgrüner Abgrund zu schimmern, der mich in die Tiefe zu ziehen drohte. Ihre ganze Erscheinung verschwamm vor meinen Augen, als wäre sie nur ein Gespenst, das sich vorübergehend materialisiert hatte.

 

Bild: Abigail2resident: Am Fenster s/w (Pixabay)

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s