Schmerzhaftes Erwachen

Tagebuch eines Schattenlosen, Teil 15

Donnerstag, 20. Juli

Ich frage mich, was wohl mein erster Gedanke war, als ich an dem Abend nach meinem Schwächeanfall auf­gewacht bin. Aber was heißt das überhaupt – „mein erster Gedanke“? Ist damit nur das gemeint, was ich bewusst gedacht habe? Oder schließt das auch die vor-, halb- und unbewussten Gedanken mit ein, die mir damals durch den Kopf geschossen sind?
Vielleicht ist es ja ohnehin falsch, nach dem ersten Gedanken zu fragen. Müsste ich nicht eher nach dem ersten Gefühl fragen? Der erste Gedanke ist doch schon eine Form von Zensur, die Art, in der das Bewusstsein auf das Gefühl reagiert: ab­wehrend, entgegenkommend, formend, deutend …
Womöglich kann ich mich daher erst dann richtig an das Vergangene erinnern, wenn ich die Vorstufe meiner damaligen Selbstauslegung erfasse. Dafür muss ich aber zunächst einmal das damalige Geschehen gründlich rekonstruieren.

Geschichte eines Schattenverlusts:

10. Schmerzhaftes Erwachen

Wenn ich die Augen schließe, sehe ich mich irgendwann aus dem Bett aufstehen und vor den großen Spiegel im Flur treten. Offenbar war das ein Versuch, den Realitätsgehalt der Erinnerungen zu überprüfen, die nun tröpfchenweise in mein Bewusstsein einsickerten.
Das Licht hatte ich mit Sicherheit noch nicht eingeschaltet. Also konnte ich mein Ebenbild nur schemenhaft im Spiegel erkennen. Ich meine mich aber zu erinnern, dass es mich ungemein beruhigt hat, es zu erblicken. Wahrscheinlich ging ich zu dem Zeitpunkt davon aus, dass – da ja mein Spiegelbild noch vorhanden war – auch mein Schatten nicht verschwunden sein konnte. Waren die gespens­tischen Bilder, die in mir aufstiegen, also nur Bruchstücke eines Alptraums?
Halbwegs beruhigt, knipste ich das Licht an und blickte abermals auf mein Spiegelbild. In diesem Augenblick nun durchfuhr mich – daran erinnere ich mich ganz genau – ein ungeheurer Schrecken. Natürlich habe ich bestimmt übermüdet ausgesehen, mit Ringen unter den Augen, Bartstoppeln, wirrem Haar und zerknitterten Kleidern. Auch das wird seine Wirkung auf mich nicht verfehlt haben – wer schaut sich schon ange­strengt ins Gesicht, nachdem er eine Nacht durchzecht hat und gerade mit einem entsetzlichen Kater aufgewacht ist?
Was mich wirklich beunruhigte, war jedoch etwas anderes. Ich hatte das Gefühl, als würde ich den, der mich da so entsetzt an­starrte, gar nicht kennen. Es war, als sähe ich ihn zum ersten Mal. Ein unsinniges Schamgefühl befiel mich. Unwillkürlich löste ich meinen Blick aus den Augen des Anderen, so wie man peinlich berührt zur Seite schaut, wenn man jemanden beim Popeln in der Nase überrascht.
Erst jetzt wurde mir bewusst, dass ich genau unter dem Deckenstrahler stand, den ich kürzlich über dem Spiegel angebracht hatte. Demnach musste doch eigentlich … Mein Herz begann schneller zu schlagen, es zuckte, es zitterte, ein Trommelwirbel vor dem Salto mortale des Seiltänzers, dessen Sprung durch kein Netz abgesichert war.
Langsam wandte ich mich um, nun schon ohne große Illusionen über das, was ich in meinem Rücken wahrnehmen würde. Und tatsächlich: Es war kein Schatten von mir zu sehen.
Natürlich hätte bei dem indirekten Licht nur ein Schattenansatz zu erkennen sein können, eine schattige Brücke ins Dunkel des Raumes. Aber es war eben überhaupt nichts zu sehen. Es war, als wäre ich gar nicht da. Von dem Schuhschränkchen, dem davor stehenden Paar Gummi­stiefel, ja sogar von meinem alten Trenchcoat, der seit dem letzten Winter unbe­rührt an der Garderobe hing, nahm das Licht Notiz. Nur mich sparte es aus, als handelte es sich bei meiner Existenz um ein peinliches Versehen, das der Welt verschwiegen werden müsse.
Was ich nun tat, war natürlich ganz unsinnig, auch wenn die damalige Situation es vielleicht verständlich macht. Ich schritt alle Licht­schalter meiner Wohnung ab, in der Reihenfolge, in der sie mir in den Sinn ka­men. Kreuz und quer hastete ich durch Küchenzeile, Wohn- und Schlafzimmer und schaltete überall das Licht ein.
Wahrscheinlich, redete ich mir ein, war das alles nur eine Folge der vielen indirekten Lichtquellen in meiner Wohnung. Schließlich ist der eigene Schatten ja mitunter nur undeutlich wahr­zunehmen, vor allem bei diffusem Licht oder der Vermischung mit ande­ren Schattenumrissen.
Es war jedoch ganz egal, wohin ich mich stellte und wie intensiv ich mich dem Licht aussetzte – mein Schatten war und blieb verschwunden. Ich musste mich damit abfinden, ob ich wollte oder nicht: Ich hatte keinen Schatten mehr!
Nun empfand ich das viele Licht auf einmal als unerträglich. Taumelnd stürzte ich von einem Lichtschalter zum andern, um die vorherige Dunkel­heit wiederherzustellen. Dann ließ ich mich auf meinen Fernsehsessel fallen.
Vor dem Fernseher grübelte ich dumpf vor mich hin, bis mich ein Lichtreflex auf dem schwarzen Bildschirm aufschrecken ließ. Ich stand auf und blickte zum Fenster hinaus. Irrte ich mich, oder beobachtete mich jemand von der gegenüberliegenden Straßenseite aus? Beunruhigt schloss ich die Vorhänge. Für einen Augenblick fühlte ich mich wie lebendig begraben.

 

Bild: Pierre Bonnard: Selbstporträt vor dem Rasierspiegel (Wikimedia)

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s