Ein Werbeschreiben von Pleasant Work

Tagebuch eines Schattenlosen, Teil 14

Mittwoch, 19. Juli

Post bekomme ich fast gar keine mehr. Natürlich – wer sollte mir auch schreiben? Wenn ich ehrlich bin, warte ich noch immer auf ein Zeichen von Lina. Da sie in der digitalen Welt schweigt, hoffe ich manchmal, sie würde mir, ganz altmodisch, ein lustiges Kärtchen schicken, um das Eis zu brechen.
Klar, sie hat allen Grund, sauer auf mich zu sein. Ich habe mich damals wirklich blöd benommen. Aber das ist doch jetzt schon mehrere Monate her. Und hat sich durch meine Entlassung nicht eine völlig neue Situation ergeben?
Ist sie wirklich so nachtragend? Oder hat sie mich schlicht aus ihrem Leben gestrichen?
Vor lauter Verzweiflung habe ich schon angefangen, die Wurfsendungen zu lesen. Heute wieder ein besonders schönes Exemplar:

Sehr geehrter Herr C.!

Sicher haben auch Sie schon oft unter dem Blinken gelitten, mit dem Ihr Cursor Ihnen anzeigt, an welcher Stelle Sie Ihre nächste Eingabe platzieren werden.
 
Wie neuere Untersuchungen gezeigt haben, handelt es sich hierbei nicht nur um ein nervöses Empfinden Einzelner, sondern um eine weit verbreitete Problematik. Unser Forscherteam hat zudem Anhaltspunkte dafür gefunden, dass von dem Blinken ernsthafte Schädigungen der Netzhaut ausgehen können.
 
Wir von Pleasant Work haben deshalb ein System entwickelt, das einen völlig neuartigen Umgang mit dem Blinken des Cursors erlaubt. Ein spezieller Duft­cocktail, zu dem bislang keinerlei Nebenwirkungen festgestellt werden konnten, ermöglicht dem Gehirn die Umwandlung des Cursor-Impulses in ein motivierendes Signal, das von Testpersonen ähnlich wie ein Anfeuerungsruf beim Sport empfunden wurde. Damit erhält Ihre Computerarbeit eine ganz neue Qualität!
 
Um möglichst vielen Menschen die Befriedigung zu verschaffen, die der von Pleasant Work zusammengestellte Duftcocktail bei der Arbeit mit dem Computer ver­mittelt, haben wir eine neue Generation von Computern entwickelt, die mit ei­nem speziellen Duftstrahler ausgestattet sind. Dadurch können nicht nur unan­genehme Auswirkungen der Computerarbeit ausgeglichen werden. Über die Tastatur sind Sie außerdem direkt mit dem Duftstrahler verbunden, so dass Ihr Computer auf Ihre Stimmungen eingehen kann wie eine einfühlsame Freundin!
 
Join us! Lassen Sie sich ein individuell auf Ihre Bedürfnisse abgestimmtes Ange­bot unterbreiten. Pleasant-Work-Computersysteme gibt es in unterschiedlichen Ausführungen. Informieren Sie sich unter http://www.pleasantwork.de – oder rufen Sie uns einfach an unter 017071-224488! Wir stehen Ihnen rund um die Uhr zur Verfügung!

Was die Leute sich alles einfallen lassen, um den Menschen das Geld aus der Tasche zu ziehen! Ich habe trotz allem mal die Website der Firma angeklickt, weil mich einfach das Werbekonzept interessiert hat. Schließlich lässt sich ein Duft ja nicht bildlich darstellen!
Ich muss gestehen, dass die „Pleasant Worker“ ziemlich kreativ sind. Die ganze Website ist interaktiv aufgebaut: Man kann direkt mit Mitarbeitern ins Gespräch kommen und sich sogar in einen ei­gens eingerichteten Duftkanal einloggen, der einem eine Kostprobe des neuartigen Computerarbeitskonzepts vermittelt. Auf mich hat das allerdings keine großartige Wirkung gehabt. Der Duft war sehr künstlich und hat mich eher an den Zitrusgeruch in Kaufhaustoiletten erinnert. Einen Zusammenhang zwischen den Duftstoffen und meiner Wahrnehmung des Cursors konnte ich erst recht nicht feststellen.
Das hätte ich mir aber auch gleich denken können! Warum lasse ich mich also auf einen Dialog mit solchen Nebelwerfern ein? Vielleicht, weil ich doch den Wunsch habe, irgendeine praktische Hilfe zu bekommen – etwas Handfestes, unmittelbar Wirksames eben. Mit meiner Erinnerungsarbeit drehe ich mich doch irgendwie im Kreis. Außerdem ist es weiß Gott nicht angenehm, sich immer wieder andere unangenehme Situationen in Erinnerung zu rufen.
Andererseits will ich auch nicht wieder vor mir selbst davonlaufen. Wenn ich nur wüsste, ob es Mut oder Trägheit ist, Ehrlichkeit oder das Bedürfnis, sich selbst von der eige­nen Leere abzulenken, was mich zum Weiterschreiben anhält!
Heute bin ich aber zu müde, um mich der Rekonstruktionsarbeit zu widmen. Vielleicht gehe ich einfach mal wieder zwanglos spazieren. Bei der dichten Wolkendecke, die heute über der Stadt hängt, wird mein kleiner Makel wahrscheinlich gar nicht groß auffallen.

 

Bild: Jiradet Inrungruang: Bunter Rauch (Piabay)

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