Die Entblößung

Tagebuch eines Schattenlosen, Teil 13

Montag, 17. Juli

Ich schäme mich vor mir selbst dafür, dass ich heute Nacht nicht weitergeschrieben habe. Trotzdem wehre ich mich dagegen, das als pure Feigheit abzutun. Nicht nur, dass ich auf einmal todmüde war, nachdem die Wirkung meines Alptraums abgeebbt war. Der Augenblick, in dem nicht nur für mich selbst, sondern auch für alle anderen mein verändertes Erscheinungsbild offenbar geworden ist, war nun einmal ein traumatischer Einschnitt in meinem Leben. Sich dem zu stellen, ist eben keine Kleinigkeit.
Aber heute führt wohl endgültig kein Weg mehr daran vorbei. Also Augen zu, Gegenwart ausgeblendet, und zurück zu dem Teamraum, wo die Produktmanagerin die Besprechung soeben eröffnet hatte.

Geschichte eines Schattenverlusts:

9. Die Entblößung

Obwohl ich mich bemüht hatte, die Tür so vorsichtig wie möglich zu öffnen, drehte sich Frau Zimmermann sogleich nach mir um, als ich den Raum betrat: „Ah, der Herr C.! Tja, wenn man vom Teufel spricht … Gerade habe ich gefragt, ob jemand etwas von Ihnen gehört hat.“
Ihr durchaus entgegenkommendes Lächeln konnte nicht verhindern, dass mir die Schamesröte ins Gesicht stieg. Natürlich provozierte die Aufteilung des Raumes auch geradezu peinliche Gefühle bei einem Nachzügler. Die Ti­sche waren kreisrund angeordnet, und das Whiteboard, auf dem man bei Bedarf Kalkulationen oder Geschäftsstrategien skizzieren konnte, stand vorne, unweit der Tür. Der Leiter der Besprechung saß daher stets mit dem Rücken zur Tür. Bei meinem Eintritt in den Raum hatte ich so das Gefühl, eine Bühne zu betreten, zumal auch der über dem Whiteboard angebrachte Deckenstrahler wie ein Scheinwerfer auf mich gerichtet war.
Eine Weile lang verharrte ich in der halb geöffneten Tür wie ein Schauspieler, der seinen Text vergessen hat. Alle Augen waren auf mich gerichtet. Die Blicke verrieten jene Mi­schung aus Befremdung und Abscheu, die mir von da an noch öfter begegnen sollte. Damals aber verstand ich zunächst gar nicht, was los war. Gut, nach einer halb durchwachten Nacht sah ich sicher nicht allzu gut aus. Aber musste man mich deshalb anstarren, als wäre ich ein blutüberströmter Zombie?
Mein erster Impuls war, den Raum rückwärts wieder zu verlassen und einfach nach Hause zu gehen. Stattdessen schloss ich jedoch – um über­haupt etwas zu tun – die Tür hinter mir und trat zwei Schritte vor. Warum ich dann innehielt, anstatt einfach auf den noch freien Platz zuzugehen, kann ich selbst nicht sagen. Wahrscheinlich haben mich die forschenden Blicke verunsichert, die sich nun nicht mehr in mein Gesicht bohrten, sondern mit ungläubigem Entsetzen einen Punkt schräg hinter mir fixierten, wo der Lichtkegel des Deckenstrahlers meinen Schatten auf das Whiteboard hätte zeichnen müssen.
Irgendwann bin ich dann wohl der Blickrichtung der anderen gefolgt und habe mich umgedreht, um den Grund für ihre Beunruhigung herauszufinden. So muss schließlich auch mir aufgefallen sein, dass dort, wo gemäß den physikalischen Gesetzmäßigkeiten mein Schatten hätte sein müssen, der weiße Lack des Whiteboards genauso unberührt war wie an den anderen Stellen auch. Das Licht missachtete mich ganz einfach, es fiel mitten durch mich hindurch, als wäre ich gar nicht da.
Ja, war ich vielleicht wirklich nicht da? Träumte ich das alles nur, oder war ich selbst ein Teil des Traums der Kollegen, die mich anstarrten wie eine Gruppe von Schlafwandelnden, die von ihrem Erwachen träumen? Aber seit wann begaben sich Schlafwandelnde denn in Gruppen auf ihre nächtlichen Streifzüge?
Als ich in den Beinen unsicher wurde und zu schwanken begann, kamen Karsten und Alex – die am weitesten vorne saßen – mir zu Hilfe und stützten mich unter den Armen. Sonst wäre ich wohl direkt auf das vor dem Whiteboard stehende Tischchen gefallen, wo Laptop und Beamer für die Ausführungen von Frau Zimmermann bereitstanden.
„Um Gottes willen, Theo, ist dir nicht gut?“ fragte Alex besorgt. Irgendjemand meinte, man solle mich besser hinlegen, aber da hatten die beiden mich schon auf Karstens Stuhl gesetzt und standen – nun ihrerseits paralysiert – hinter mir wie zwei Schoßhunde, die sich durch eine seltsame Verkleidung ihres Herrchens verunsichert fühlen.
„Sollen wir einen Arzt holen?“ hörte ich jemanden fragen. „Oder vielleicht ein Glas Wasser?“
Natürlich sind diese Worte nur Rekonstruktionen, die sich mehr auf das Gesetz der Wahrscheinlichkeit stützen als auf tatsächliche Erinnerungen. Zudem sind bestimmt mehr Sätze gefallen, als es mir im Rückblick vorkommt, und ich werde wohl auch etwas darauf geantwortet haben. Hierfür fallen mir aber nur völlig unsinnige Äußerungen ein, wie z.B. „Entschuldigung, ich habe mei­nen Schatten zu Hause vergessen, es soll nicht wieder vorkommen“.
Deshalb unterlasse ich es lieber, mir darüber Gedanken zu machen. Wenn ich mich streng an das halte, was ich von dem Vorfall noch in Erinnerung habe, so dürfte ich ohnehin nur von dem Gefühl eines Ertrinkenden sprechen, der durch die über ihm zusammenschlagenden Wellen hindurch die Gesichter anderer Men­schen wahrnimmt – wobei unklar bleibt, ob deren Lippen sich tatsächlich bewegen oder ob dieser Eindruck nur von der Bewegung des Wassers herrührt.
Irgendjemand muss mich schließlich nach Hause gebracht haben. Als ich wieder zu mir kam, war es bereits völlig dunkel. Anfangs war ich mir nicht sicher, ob ich mein Erwachen nur träumte oder tatsächlich schon wach war. Nach einiger Zeit begriff ich jedoch, dass ich mich in meinem Schlafzimmer befand und auf dem noch von der Tagesdecke überzogenen Bett lag. Ich war angekleidet, bis auf die Schuhe und meine Jacke, die man mir als zusätzliche Stütze unter den Kopf geschoben hatte.

 

Bild: Gellinger : Surreal, Augen (Pixabay)

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