Der Sonnenstich

Tagebuch eines Schattenlosen, Teil 9

Freitag, 14. Juli

Der Manager in der großen Lagerhalle der Erinnerungen muss ein überzeugter Anhänger der chaotischen Lagerung sein. Kürzlich Erlebtes ist neben lange zurückliegenden Dingen abgelegt, Träume finden sich neben wirklichen Erlebnissen wieder, traurige und freudige Geschehnisse sind ungeordnet übereinandergestapelt.
Nur so ist es zu erklären, dass ich mich auf einmal wieder an ein Ereignis aus meiner frühen Kindheit erinnert habe. Damals war ich mitten im Hochsommer an einem Strand eingeschlafen. Als ich erwachte, brannte meine Haut wie Feuer. Ich richtete mich blitzartig auf, um dem Feuer zu entkommen, aber das Feuer klebte an meiner Haut, es gab kein Entkommen. Da wurde mir schwarz vor Augen. Ich war ganz allein mit dem weiten, brennenden Strand. Niemand war da, um mich der glühenden Erde zu entreißen. Niemand kam, um mich gegen den Sonnenpriester zu verteidigen, der mich mit ritueller Grausamkeit seiner Gottheit opferte.
Das traumatische Erlebnis hatte ich bislang recht erfolgreich verdrängt. Aber so ist das eben, wenn man die Erinnerung von der Leine lässt. Dann geht ein realer Spaziergang unversehens in einen zweiten, imaginären Spaziergang an den launischen Gestaden des Gedächtnisses über.

Geschichte eines Schattenverlusts

6. Der Sonnenstich

Im Nachhinein muss ich mir wohl eingestehen, dass es keine gute Idee war, zum Fluss hinunterzugehen. Ich war zwar darauf eingestellt gewesen, länger unterwegs zu sein, als wenn ich einfach auf demselben Weg zurückgegangen wäre. In dem dichten Nebel hatte ich jedoch fast das Gefühl, auf der Stelle zu treten.
Meine Schritte klangen wie die eines Fremden, und auch mein Atem, den ich stoßweise vorbrachte, schien nicht zu mir zu gehören. Ein paar Mal meinte ich irgendwo in der Ferne eine Kirchturmuhr schlagen zu hören, aber ich begann jedes Mal zu spät mit dem Zählen der Schläge. Jetzt rächte es sich, dass ich meine Armbanduhr noch immer nicht vom Uhrmacher abgeholt hatte.
Nach einiger Zeit – es ist eine dieser Zeitspannen, die ich im Rückblick nicht mehr genau bestimmen kann – wurde es tatsächlich heller. Aller­dings sickerte das Sonnenlicht so langsam durch den Nebel, dass ich mir anfangs nicht sicher war, ob ich mir die Dämmerung womöglich nur einbildete.
Noch bevor der Nebel sich vollständig lichtete, stieß ich auf eine breite Treppenfront, die – wie ich von früheren Spaziergängen in Hadderstetten wusste – in die Innenstadt hinaufführte. Offenbar hatte ich also die Stadt am Fluss halb umrundet.
Am oberen Ende der Treppe angelangt, bog ich in eine Seitenstraße ein, die an ihrem Ende in die Fußgängerzone überging. Dort konnte ich zum ersten Mal den klei­nen Sonnenball hinter den Nebelschwaden erkennen. Ich erinnere mich noch genau an die Unruhe, die mich bei diesem Anblick ergriff. Anfangs schob ich sie auf die Erschöpfung nach dem wenigen Schlaf und der un­gemütlichen Nachtwanderung, obwohl ich insgeheim spürte, dass sie dafür zu heftig war. Vielleicht, so dachte ich, hatte ich einfach Hunger. Ich beschloss daher, im nächsten Café einzukehren und zunächst einmal ordentlich zu frühstücken.
Als mich aber kurz darauf der erste Sonnenstrahl traf, empfand ich eine so starke Atemnot, dass ich mich an dem nächsten Baum festhalten musste, um nicht umzufallen. Das Licht tat mir nicht nur – was ja nach der Wanderung durch die Nacht normal gewesen wäre – in den Augen weh. Nein, ich hatte das Gefühl, als würde es wie durch ein Brennglas auf mich einschießen und gerade durch mich hindurchsto­ßen.
Reflexartig kniff ich die Augen zusammen. Dann tastete ich mich, den Rücken gegen den Baum gepresst, zur anderen Seite des Stammes hin, wo das Licht mich nicht mehr frontal treffen konnte. Auch dort dauerte es jedoch noch eine Weile, bis ich wieder etwas freier atmen konnte. Unschlüssig zwinkerte ich mit den Augen. Eine unbestimmte Furcht hielt mich davon ab, sie vollständig zu öffnen.

 

Bild: Lilaminze: Rhein (Pixabay)

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