Sturz in die Nacht

Tagebuch eines Schattenlosen, Teil 8

Donnerstag, 13. Juli

Die Nacht mit dem Mädchen, dessen Gesicht vor meinen Augen verschwimmt wie ein Spiegelbild im Wasser, in das der Wind unverständliche Muster zeichnet … Meine Gedanken sind noch immer ganz gefangen davon. Kein Wunder: Dies ist ja auch die Nacht, in der mein Lebensfaden in zwei Teile zerschnitten worden ist. Es gibt ein Davor und ein Danach, beides steht unverbunden nebeneinander.
Ob der abrupte Wandel wohl unmittelbar mit meiner Nacht bei dem Mädchen zusammenhängt? Täuscht mich meine Erinnerung, wie ich mich womöglich schon damals in dem Mädchen getäuscht habe? War sie in Wirklichkeit eine dieser Hexen, von denen die Märchen erzählen? Ein böswilliges Zauberwesen, das sich nur die Gestalt einer schönen jungen Frau übergeworfen hat, um mich in seinen Bann zu ziehen und so ins Verderben zu stoßen? Ist sie es am Ende, die mich meines Schattens beraubt hat?
Aber nein: Das passt einfach nicht zu meinen Gefühlen! Wer hier spricht, ist mein Verstand, dieser oberlehrerhafte Zensor, der meint, alles deuten und erklären zu können. Wenn ich nur daran denke, wie ich mich im Innersten zerrissen gefühlt habe, als ich das Mädchen wieder verlassen musste … Nein, da war keinerlei Böswilligkeit in ihr. Eher war sie eine dieser guten Feen, die einen bei der Hand nehmen und nach Hause führen, wenn man sich im nächtlichen Moor verirrt hat.

Geschichte eines Schattenverlusts

5. Sturz in die Nacht

Aus den Umarmungen des Mädchens war ich in ein weiches Dunkel gesunken, in dem ich für ein paar ewige Augenblicke verharrte. Als ich wieder zu mir kam, saß das Mädchen neben mir, noch immer nackt, und blickte mir ins Gesicht. „Du musst jetzt gehen“, sagte sie leise, aber bestimmt.
„Warum – was ist los?“ fragte ich, wie einer, den man mitten in der Nacht aufweckt, um ihn aus seinem eigenen Haus zu vertreiben.
„Es wird bald hell werden“, flüsterte sie.
Ich sah sie verständnislos an. „Na und?“
Statt einer Antwort beugte sie sich zu mir herunter und berührte meinen Mund kaum merklich mit ihren Lippen. Dann stand sie auf und begab sich zu einer Kleidertruhe, die in einer Ecke des Zimmers stand. Diese öffnete sie und zog eine Art Hausmantel daraus hervor, den sie sich rasch überwarf und vorne zusammenband. Er wirkte – soweit ich das in dem spärlichen Licht, das von draußen hereindrang, beurteilen konnte – etwas altmodisch, legte sich jedoch wie eine zweite Haut um ihre Taille und hatte einen verführerischen Ausschnitt. Weniger denn je wollte ich sie jetzt verlassen.
Unbeirrt begab das Mädchen sich zu dem Tisch, an dem vor – wie mir schien – unendlich langer Zeit alles be­gonnen hatte. Routiniert machte sie sich daran, meine auf dem Boden liegenden Klei­dungsstücke aufzusammeln. In aller Ruhe häufte sie sie auf den Schemel und stellte diesen neben mein Bett. Dann griff sie nach meinem Hemd, offenbar in der Absicht, es mir überzustreifen.
„Ich heirate dich!“ rief ich da, wie ein Ertrinkender, dem man das rettende Holzstück wegzieht. „Du musst nie mehr diesem Gewerbe nachgehen.“
„Du wirst nie heiraten“, entgegnete sie sanft, aber doch so nachdrücklich, dass ich meine Gegenwehr aufgab und mich von ihr ankleiden ließ. Dabei ging sie ebenso zärtlich vor wie vorhin, als sie mich ausgezogen hatte.
„Wie viel bin ich dir schuldig?“ fragte ich, als ich schon in der Tür stand.
Sie murmelte irgendetwas, das ich nicht verstand, weil ich mich schon wieder ganz in ihren grünen Augen verloren hatte. Belustigung las ich darin, aber auch eine Art von nachsichtiger Verwunderung, wie man sie Fremden gegenüber an den Tag legt, die mit den Sitten ihres Gastlandes nicht vertraut sind.
Das Mädchen küsste mich flüchtig zum Abschied, dann fand ich mich plötzlich in dem lan­gen Flur wieder. Benommen tastete ich mich in der Dunkelheit bis zur Treppe vor. Im Haus war es jetzt ganz still – offenbar hatten die anderen Damen ihre Freier schon viel früher nach Hause geschickt.
Als ich auf der Straße stand, drehte ich mich noch einmal um und blickte nach oben, in der Hoffnung, das Mädchen würde vielleicht am Fenster stehen und mir zuwinken. Aber das Haus lag ganz dunkel da, und hinter den Fenstern war keine Regung zu erkennen. Wahrscheinlich hatte sie sich gleich wieder schlafen gelegt. Mir kam der Gedanke, dass sie vor mir vielleicht noch andere Freier empfangen haben könnte. Aus irgendeinem Grund erschien mir das jedoch ganz unvorstellbar. Vielleicht wollte ich es auch nur nicht wahrhaben.
Da alles still blieb, setzte ich mich schließlich in Bewegung. Ich beschloss, in Richtung des Flusses weiterzugehen und dort in den Morgen hi­neinzuspazieren.

 

Bild: Andrew Poynton: Tunnel (Pixabay)

Eine Antwort auf „Sturz in die Nacht

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s