Das Mädchen mit den grünen Augen

Tagebuch eines Schattenlosen, Teil 7

Mittwoch, 12. Juli

Das Mädchen mit den grünen Augen … Es gelingt mir einfach nicht, ihr Gesicht vor meinem inneren Auge erscheinen zu lassen. Sobald ich versuche, es mir vorzustellen, weiten ihre Augen sich zu einem grünen See, der mich in die Tiefe zieht. Weich umfangen mich seine Wellen, es ist durchaus kein unangenehmes Versinken, aber es beraubt mich doch jeder Möglichkeit, einen klaren Gedanken zu fassen.
Habe ich mir die Begegnung am Ende nur eingebildet? Aber warum kann ich mich dann an jedes Detail unseres Zusammenseins – außer an ihr Gesicht – so genau erinnern? Ist es denkbar, dass ein Traum einen so nachdrücklichen Eindruck hinterlässt, dass man meint, er wäre Wirklichkeit gewesen?
Ihre Abendwindstimme, ihr Kirschblütenduft, der dunkelflüsternde Hausflur: All das ist noch so präsent in mir, als wäre es gestern gewesen.

Geschichte eines Schattenverlusts:

4. Das Mädchen mit den grünen Augen

Ich weiß noch, wie mir ein Schauer über den Rücken lief, als uns im Innern des Hauses ein feuchter, etwas modrig wirkender Geruch umfing. Schweigend folgte ich den schlanken Konturen des Mädchens, die vor mir das Halbdunkel durchschnitten. Ich war mir ganz sicher, ihr nie zuvor begegnet zu sein. Und doch war sie mir vom ersten Augenblick an so vertraut wie eine Freundin aus Kindertagen.
Am Ende des Flurs gelangten wir an eine altersschwache Treppe. Während wir über die ächzenden Stufen nach oben stiegen, musste ich feststellen, dass in dem Haus offenbar noch mehr Damen ihrer Tätigkeit nachgingen. So klein das Haus von außen zu sein schien, so geräumig wirkte es im Innern. Entsprechend lang waren die Flure, die im Erdgeschoss und auf den beiden Etagen darüber von der Treppe abgingen. Die Liebesklagen hallten einem daraus entgegen wie aus einem tiefen Brunnen.
Das Mädchen führte mich in die oberste Etage. Dort angekommen, begaben wir zu einem ganz am Ende des Gangs gelegenen Zimmer. Mit einem unwil­ligen Quietschen tat die Tür sich vor uns auf.
„Möchtest du einen Schluck Wein?“ fragte das Mädchen, nachdem wir eingetreten waren.
Ich nickte: „Warum nicht?“
Es dauerte eine Weile, bis sich die Augen an die Dunkelheit in dem Zimmer gewöhnt hatten. Schemenhaft konnte ich ein in der Ecke stehendes Bett, ein Wandregal und einen Tisch erkennen. Auf halbem Weg zwischen Tisch und Bett stand ein alter Schemel herum. Die Leuchtreklame von der gegenüberliegenden Straßenseite war hier oben zu meiner Überraschung nicht zu bemerken. Nur ein fahler Lichtstreifen zog sich quer durch das Zimmer, der eher vom Mondschein als von einer Straßenlaterne herzurühren schien. Aber wie konnte das Mondlicht auf einmal durch den dichten Nebel dringen?
Belustigt sah mich das Mädchen an: „Brauchst du Licht?“
Ich verneinte und wollte ans Fenster treten, um mir einen Überblick über den von hier aus einzusehenden Teil der Straße zu verschaffen. Da das Mädchen aber im selben Augenblick einen Tonbecher vor mich auf den Tisch stellte und den Schemel an diesen heranzog, setzte ich mich hin und kostete von dem Wein. Zu meiner Enttäuschung musste ich feststellen, dass er leicht säuerlich schmeckte, als wäre er mit Apfelessig vermischt worden. Unwillkürlich schüttelte ich mich, als ich den Becher wieder absetzte.
„Ist dir kalt?“ säuselte es ganz in meiner Nähe.
Ich blickte auf: Das Mädchen lehnte direkt neben mir an der Tischkante. Da in ihrer Stimme ein Lächeln mitschwang, nahm ich an, sie habe sich mit dem Wein einen Scherz mit mir erlaubt. Unschlüssig, was ich davon halten sollte, versuchte ich, in ihren Augen zu lesen. Aber in der Dunkelheit war ihr Gesicht nur undeutlich zu erkennen.
„Er redet ja gar nichts …“ Sie neigte sich dicht an mein Ohr: „Uns wird doch nicht bange sein?“
Als Nächstes ließ sie sich auf meinen Schoß sinken und fing an, mein Gesicht mit Küssen zu bedecken. Ihr Mund bewegte sich langsam an meiner Wange nach oben, berührte meine Augen und glitt dann herab zu meinem Mund, den sie mit gekonnten Lippenbewegungen öff­nete. Dabei tastete sie nach meiner rechten Hand und führte sie behutsam an ihren Busen, wie eine Mutter, die ihrem Kind zur Beruhigung die Brust reicht. Ihre Handgriffe waren routiniert, wirkten dabei aber nicht im Geringsten ordinär oder gar geschäftsmäßig. Eher hatte ich den Eindruck, als vollführte sie ein uraltes Ritual.
Wie in Trance fing ich an, sie zu streicheln und an dem Mieder herumzunesteln, das sie über der Brust trug. Auch sie führte ihre Hände nun zu meinem Hemd und begann mich auszuziehen, während sie gleichzeitig fortfuhr, ihre Lippen über mein Gesicht kreisen zu lassen.
Schließlich lagen wir beide nackt auf ihrem Bett, die Gesichter einander zugewandt, so dass ich ihr direkt in die Augen sehen konnte. Und solange wir uns in dem harmoni­schen, gleichmäßigen Takt der Liebe bewegten, blickte ich immerfort in diese Augen, die nicht aufhörten, mich zu fixieren, mich zu sich hinzuziehen, bis ich schließlich in eine Art Dämmerzustand geriet, von dem ich nicht mehr weiß, wie lange er angedauert hat.

 

Bild: Jahidul islam jahi jj: Mädchen (Pixabay)

Eine Antwort auf „Das Mädchen mit den grünen Augen

  1. Elias

    Nun wird es aber sehr interessant! ;-). Ich habe die vorigen Einträge verpasst. Schön, dass man sie problemlos auf der Seite noch einmal nachlesen kann. Freue mich darauf, wie es weitergeht!

    Gefällt 1 Person

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