Novembernebel

Tagebuch eines Schattenlosen, Teil 5

Dienstag, 11. Juli

Ein seltsames Gefühl, sich selbst zum Helden der eigenen Geschichte zu machen … Ich spüre, wie ich mir selber fremd werde dadurch. Aber vielleicht ist das ja gerade der Trick bei der Sache: Wer das eigene Leben aus der Distanz betrachtet, nimmt auf einmal Dinge wahr, die ihm vorher, eingesponnen in sein eigenes Ich, gar nicht aufgefallen waren.
Das Ganze wäre wahrscheinlich anders, wenn ich die Geschichte mündlich erzählen würde. Dann könnte ich vor so mancher Wendung, die für mich wenig schmeichelhaft ist, eher ausweichen. Beim Schreiben aber funktioniert die Schranke der inneren Zensur nicht so gut. Da bin ich selbst mein einziges Gegenüber, niemand baut mir eine Brücke zu unverbindlichen Allgemeinplätzen, hinter deren Fassade sich Unannehmlichkeiten aller Art so trefflich verbergen lassen.

Also zurück zu dem Betriebsausflug …

Geschichte eines Schattenverlusts:

2. Novembernebel

Am Ende des Abends verspürte ich nicht die geringste Lust, zusammen mit den Kollegen nach Lumenberg zurückzufahren. Ich wusste, dass von Hadderstetten noch spätabends Züge nach Lumenberg fahren. Deshalb beschloss ich, auf die lärmende Heimreise in dem en­gen Bus zu verzichten und noch einen kleinen Spaziergang durch den Ort zu machen. Der Bahnhof lag auf der anderen Seite der Stadt, jenseits des Parks, so dass ich zwangsläufig noch ein paar Schritte gehen musste, um dorthin zu gelangen.
Natürlich war mein Verhalten durchaus ungewöhnlich. Den Kollegen gegenüber begründete ich es mit einem Freund, dem ich versprochen hätte, noch bei ihm vorbeizu­schauen. Angesichts des leichten bis mittelschweren Alkoholisierungsgrades der Gesellschaft kam glücklicherweise niemand auf die Idee, diese – nachts um 11 – durchaus ungewöhnliche Erklärung anzuzweifeln.
Bei der Abfahrt des Busses erhaschte ich noch einen kurzen Blick von Lina, die vielleicht als Einzige spürte, warum ich nicht in den Bus einsteigen wollte. Dann machte ich mich auf den Weg zum Bahnhof.
Ich hatte tatsächlich vor, nur noch ein wenig die frische Nachtluft zu genießen. Trotz der späten Stunde wollte ich quer durch den dunklen Park gehen und dann direkt nach Hause fahren. Der Zug musste meiner Erinnerung nach so gegen 12 fahren. Andernfalls hätte ich von Hadderstetten aus auch problemlos ein Taxi nehmen können.
Für eine Novembernacht war die Luft ausgesprochen mild. Nach den stickigen Stunden in der Gaststätte war es mir doppelt angenehm, sie in vollen Zügen ein­zuatmen. Ich ging, wie ich glaubte, geradewegs auf den Park zu, den ich am Ende der an dem Lokal vorbeiführenden Allee vermutete. Zwar zog sich der Weg länger hin, als ich angenommen hatte, doch machte ich mir darüber anfangs keinerlei Gedanken. Schließlich kannte ich mich in Hadderstetten bei Weitem nicht so gut aus wie in Lumenberg. Und konnte es nicht sein, dass mir die Allee bei Nacht – ohne den regen Straßenverkehr und das bunte Treiben vor den Geschäften – einfach länger vorkam als am Tag?
Erst als ich das Ende der Allee erreichte, fiel mir auf, dass ich in die verkehrte Richtung gelaufen war. Statt am Park fand ich mich an einer Durchgangsstraße wieder, hinter der die Allee in das enge Gassengewirr des Ha­fenviertels mündete.
Ich hätte nun wohl umkehren oder einen der wenigen Passanten nach dem Weg zum Bahnhof fragen müssen. Warum ich weder das eine noch das andere getan habe, weiß ich selbst nicht. Vielleicht hielt mich einfach eine Art Trotz davon ab, mir den zu so später Stunde doch recht ungemütlichen Fehler einzugestehen. Immerhin war der Weg zum Bahnhof nun etwa doppelt so lang wie von der Gaststätte aus. Also würde ich den Zug wohl verpassen und ein Taxi nehmen müssen. Das konnte ich mir dann aber genauso gut im Hafenviertel suchen.
So durchquerte ich die Unterführung, die Allee und Hafenviertel miteinander verbindet, und steuerte auf der anderen Seite einfach wahllos auf die erstbeste Gasse zu. Im Unterschied zu der Allee kam mir die Luft hier, in der Nähe des Flusses, feucht und schwer vor. Schon nach wenigen Metern umfing mich dichter Nebel, der im Lichtkegel der Straßen­lampen als schwereloser Strom durch die Nacht floss.
Ohne zu wissen, wo ich mich befand, ging ich einfach weiter geradeaus. Irgendwann würde ich sicher auf einen größeren Platz stoßen, wo ich mir ein Taxi anhalten könnte – dachte ich. Tatsächlich muss ich mich aber ziemlich bald in dem Wegelabyrinth verlaufen haben. Immer schneller drehte sich der Reigen der Gassen um mich, immer enger umschloss mich die Nebelwand, und immer weniger Passanten kamen mir entgegen.
Diese Umstände können vielleicht auch die verhängnisvolle Entscheidung erklären, die ich kurz darauf getroffen habe. Heute verstehe ich selbst nicht mehr, warum ich an der nächsten Kreuzung, von der drei Gassen abgingen, nicht die mittlere und größte gewählt habe. Schließlich hätte man von ihr am ehesten annehmen können, dass sie aus dem Labyrinth herausführt. Leider bin ich aber in die Gasse zu meiner Linken eingebogen, aus der ein rötlicher Schein herausdrang.

 

Bild: Gartengoere: Nacht (Pixabay)

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