Erinnerungsarbeit

Tagebuch eines Schattenlosen, Teil 3

Samstag, 8. Juli

Wenn man die Schleusen des Gedächtnisses erst einmal öffnet, ist es, als würde man regelrecht überflutet von den eigenen Erinnerungen. Erst sickern sie ganz langsam in das Bewusstsein ein, aber dann schwillt ihr Strom auf einmal so machtvoll an, dass man ihrer kaum noch Herr wird. Also sollte ich nun endlich versuchen, sie zu formen, um nicht in ihnen zu ertrinken.
Wenn die Erinnerungen aber noch unerträglicher werden, sobald sie Gestalt angenommen haben? Geht es dem Gekenterten etwa besser, wenn er das, was er für Schiffe am Horizont gehalten hat, als Wellentürme erkennt? Und lässt sich ein seiner Struktur nach immaterieller Stoff überhaupt formen?
Immerhin bin ich die Woche über nicht untätig gewesen. Mittwoch und Freitag habe ich recherchiert. Ich bin noch mal die Wege abgegangen, die ich damals eingeschlagen haben muss, und ich habe die Zeit gemes­sen, die man für die gesamte Wegstrecke benötigt. Offenbar ist alles viel schneller ge­gangen, als es mir in der Erinnerung vorkommt. Aber das war – angesichts der Bedeutung, die die Ereignisse für mich hatten – auch kaum anders zu erwarten.
Das Wochenende will ich für weitere Notizen nutzen. Am Montag könnte dann meine erste Arbeitswoche als „Gedächtnisrestaurator“ beginnen.
Komisch, dass ich das Gefühl von Wochenende habe, obwohl ich doch nun gar keine Arbeitswoche mehr habe …
Den Weg zum Job Center habe ich nun auch endlich hinter mir. Am Donnerstagnachmittag – als es zum ersten Mal seit Wochen wieder richtig geschüttet und sogar gewittert hat – bin ich buchstäblich ins kalte Wasser gesprungen und habe mich arbeitslos gemeldet.
Mir scheint, meine Strategie ist einigermaßen aufgegangen. Die Blitze, der Donner, der starke Regen – das sind einfach so vielfältige Reize, dass man nicht jeder ungewöhnlichen optischen Erscheinung Beachtung schenkt. Die übliche Unsicherheit im Verhalten mir gegenüber, gut, die hat es natürlich gegeben, aber einen Eklat konnte ich doch vermeiden.
Ich schweife ab … Ob ich mich wohl irgendwann dazu überwinden kann, den Dschungel der Vergangenheit nicht nur anzuschauen, sondern wirklich in ihn vorzudringen?

 

 

Bild: Yatheesch Gowda. Verzerrung, Strudel (Pixabay)

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