Die Kündigung

Tagebuch eines Schattenlosen, Teil 1

Wie bereits angekündigt, beginnen wir ab heute mit der Veröffentlichung der Online-Fassung des ersten Teils von Ilka Hoffmanns Tagebuchroman Der Schattenhändler. Jeden Tag wird einer der insgesamt 41 Tagebucheinträge freigeschaltet. Um die Illusion der Tagebuchrealität nicht zu zerstören, werden wir als Literaturplanetarier uns in den kommenden Wochen vornehm im Hintergrund halten.
Hiermit übergeben wir also das Wort an Theo C. – den Mann, der seinen Schatten verlor und der danach allerlei merkwürdige Dinge erlebt hat:

Samstag, 1. Juli

Heute ist die Kündigung gekommen. Ich habe zuerst gedacht, es handle sich um Werbung, weil auf dem Briefumschlag der neue, englische Name der Firma aufgedruckt war: Securitas – International Insurance Company. Klingt irgendwie albern, aber wer weltweit operieren möchte, kommt um solche Namensspielchen wohl nicht herum.

Sicher, die Kündigung war mit mir abgesprochen – aber getroffen hat sie mich trotzdem. Ob wohl Methode dahinter steckt, dass man sie mir ausgerechnet an einem Samstag zustellt? So ist der Empfänger ja praktisch gezwungen, sich erst einmal zu beruhigen, ehe er sich eventuell doch noch gegen die Entscheidung zur Wehr setzt. – Ach was, das ist denen doch ganz egal!

Wenn ich wenigstens jemanden hätte, mit dem ich über die ganze Sache reden könnte! Ich habe das Gefühl, ich müsste mir alles noch einmal in Ruhe durch den Kopf gehen lassen, aber allein komme ich irgendwie nicht weiter. Dafür fehlt mir einfach die Distanz zu dem Erlebten. Andererseits scheue ich aber auch davor zurück, mich anderen in meiner Nacktheit – so zumindest empfinde ich meinen Zustand – zu offenbaren.

So ist fürs Erste der Computer mein einziges Gegenüber – eine etwas einseitige Kommunikation, auch wenn Kollege Computer vielleicht einen ganz guten Beichtvater abgibt.

Aber wenn ich ehrlich bin, ist mir diese Form von Selbstbespiegelung nicht nur keine Hilfe, sondern verstärkt eher meine Hilflosigkeitsgefühle. Besonders das Blinken des Cursors kann ich kaum ertragen. Es erinnert mich an das Herzklopfen, nachts, wenn man aus einem Alptraum erwacht und den eigenen Herzschlag zunächst für das Geräusch näher kommender Schritte hält. Ich sollte das lassen – es hat ja doch keinen Zweck.

Samstag, 1. Juli, abends

Jetzt bin ich doch froh, dass ich mich heute Morgen fürs Abspeichern entschieden habe. Immerhin ist damit ein Anfang gemacht, und jetzt, wo ich keiner geregelten Arbeit mehr nachgehen werde, kann das alltägliche Tippen am Computer meinen Tagen vielleicht einen neuen Rhythmus geben. Natürlich bleibt fraglich, ob das zu etwas führt – aber einen Versuch ist es wert.

Den Tag heute habe ich völlig sinnlos vertrödelt. Ich kann mich kaum noch daran erinnern, was ich wann gemacht habe. Wie soll es mir da gelingen, diese ganze Geschichte zu rekonstruieren, die doch viel weiter in die Vergangenheit zurückreicht? Vielleicht mache ich mir zuerst mal ein paar Notizen. Dann könnte ich auch diesem nervtötenden Blinken des Cursors eine Zeit lang entkommen.

 

Bild: Mohamed Hassan: Programmierer (Pixabay)

2 Antworten auf „Die Kündigung

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