Die Hyazinthe

watercolor hyacinth

Nachdem man dich lebendig begraben hatte, bist du zu deinem eigenen Erstaunen ganz ruhig geblieben. Instinktiv spürtest du, dass du nur dann eine Überlebenschance hättest, wenn du fortan alle Kraft aus dir selber zögest – und dass du mit dieser so sparsam wie irgend möglich haushalten müsstest. – So verging die Zeit, ohne dass du sie als solche wahrgenommen hättest. Die Dunkelheit um dich her blieb immer dieselbe, nur die Erde fühlte sich immer wieder anders an. Mal war sie fester, mal weicher, mal war sie ganz kalt, dann erschien sie dir wieder eine Spur wärmer. Einmal bekam sie eine so zarte, bröselige Struktur, dass du schon dachtest, auf der anderen Seit der Welt würde jemand die Erde aufwühlen. Wärest du nicht in dir selbst gefangen gewesen, hättest du um Hilfe gerufen. Bald darauf zogen sich die Erdkrumen aber wieder fest um dich zusammen und umschlossen dich wie eine steinerne Gruft.Irgendwann jedoch kam der Moment, an dem das Erdreich sich endgültig aus seiner Erstarrung zu lösen begann. Was dir zuvor als einheitliche Masse erschienen war, enthüllte sich dir nun als Mosaik aus millionenfachem Leben, das dich von allen Seiten piekste und kitzelte. Auch du selbst spürtest nun eine Kraft in dir erwachen, die stärker war als du, eine Kraft, die dein in sich selbst zurückgezogenes Leben zu sprengen drohte. Inständig hofftest du, dass man endlich nach dir suchen und dich aus deinem Kerker befreien möge. Denn du wusstest: Wenn du jetzt noch länger in deinem Verlies verweilten müsstest, würde deine eigene Kraft dich verzehren.

Dann aber geschah etwas, das du selbst nicht für möglich gehalten hättest: Aus dir selbst, aus der Mitte deines eigenen Seins, entspross ein Schwert, das deine Ketten durchschnitt und die Dunkelheit über dir mit unwiderstehlicher Kraft durchschnitt. Sobald die Spitze deines neuen Daseins die Erdkruste durchstieß, zogen die Sonnenarme dich endgültig heraus aus der Finsternis. Der Atem des Windes befreite dich von dem Schmutz deines Verlieses und umfächelte dich mit dem Flaum der Wolken, um dich zu tränken.

Natürlich gab es auch danach noch Tage, an denen der Frost der Verzagtheit dich auf dich selbst zurückwarf. Manchmal wünschtest du gar, du wärest nie aus dir selbst herausgetreten. Dann wieder strecktest du dich so ungestüm dem Leben entgegen, dass du schwankend befürchtetest, von deinem eigenen Wachstum zu Boden gerissen zu werden.

Schließlich aber nahmen alle Anfeindungen ein Ende. Da endlich söhntest du dich vollends aus mit der Welt und verzweigtest dich wieder mit ihr. Genährt von diesem Vertrauen, gelang es dir, dich frei zu entfalten und den Duft deines neu gewonnenen Daseins in den Himmel zu verströmen.

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